Rom, Ende Marz

Die Geschichtsschreiber meinen, daß Camillo Borghese, der als Paul V. 1605 den päpstlichen Thron bestieg, in die Reihe der „guten Päpste“ eingegangen wäre, wenn er nicht eine übermäßige Zuneigung für seine Verwandtschaft an den Tag gelegt hätte. Familienwirtschaft ist noch nie einem Großen dieser Welt verziehen worden – Camillo Borghese, der seine Onkel und Vettern zu den reichsten und mächtigsten Römern machte, ebensowenig wie Napoleon.

Doch war der Segen, den Camillo Borghese, der Papst, über seine Familie ausschüttete, entschieden dauerhafter als der aller weltlichen Herrscher. Es war ein Segen nicht nur im weltlichen Sinne, sondern zugleich im Sinne einer schützenden Hand, die das Schicksal über diese Familie gehalten hat.

Als Camillo Filippo Lodovico Borghese – allen Familientraditionen zum Trotze vollgepumpt mit liberalen Ideen – in Napoleons Armeen eintritt, des Korsen in jeder Hinsicht unadelige Schwester Pauline ehelicht und – immer im Sinne einer zünftigen Familienwirtschaft – zum Gouverneur von Piemonte ernannt wird, hätte man annehmen sollen, daß er dasselbe traurige Ende erleiden würde wie sein kaiserlicher Herr. Aber während Napoleon auf St. Helena dahinsiecht, beschließt sein Schwager Camillo Filippo Lodovico geehrt und geachtet seine Tage im Privatleben.

Und als sich Giulio Valerio Borghese – allen konservativen Familientraditionen zum Trotze – dem Abenteurer Mussolini in die Arme wirft, mit seiner Landsknechtstruppe der X Mag Mas dessen sechzehnmonatiger Nordrepublikherrschaft militärisch das Rückgrat stärkt und manchem Partisanen das Lebenslicht ausbläst, hätte man annehmen sollen, daß er das Ende seines diktatorischen Gebieters teilen würde. Aber während Mussolinis Leichnam auf dem Loretoplatze in Mailand aufgeknüpft wird, öffnet ein Gericht im Februar 1949 Giulio Valerio die Gefängnistüren, um ihn von neuem zu einem geehrten und geachteten italienischen Bürger werden zu lassen.

Wahrhaftig, die Borgheses haben Glück... zum Unheil ihres Landes. Denn die Freilassung Giulio Valerios hat ein neues Kapitel in der traurigen Reihe der „Spannungen“ zwischen Regierungsmehrheit und sozialkommunistischer Opposition eingeleitet: In der Kammer und im Senat kam es bei der Erörterung des Falles Borghese zu lärmvollen Zwischenfällen, während derer der Innenminister mit Schimpfnamen belegt wurde, die man gewöhnlich nur in den Vorstadtstraßen Roms hören kann.

Borgheses Freisprechung basiert auf einem Gesetz vom Juli 1946. Damals war Palmiro Togliatti Justizminister in der sozialkommunistodemochristlichen Kleeblattregierung. Togliatti ist zuweilen ein Mann großzügiger Gesten, und so bewirkte er ein Amnestiegesetz für die Faschisten, die damals zu Tausenden im Gefängnis saßen.