Von Rolf Michaelis

Die Verschwörer fahren in Militär-Lastern zum Treffpunkt auf dem Rütli. Nach dem Schwur in klarer Winternacht wärmen sie sich mit Kaffee aus Thermosflaschen, den sie aus Plastikbechern trinken. Geßler, der Reichsvogt, kurvt im Jeep in die tödlich "hohle Gasse". Eine Beton-Mischmaschine keucht auf der Baustelle von "Zwing-Uri". Auf die graue Mauer des "Fluchgebäudes" malt ein Schweizer Mädchen die Aufforderung an den österreichischen Besatzer-Tyrannen: "Geßler geh hoam". Auch der Sprayer war da: Der Geßler-Hut, Symbol der Unterdrückung, krönt auf einem Graffito einen Phallus. Und der nervöse Intellektuelle Stauffacher, Redner der Resistance-Rebellen, zündet sich eine Zigarette nach der anderen an.

Teil aber hat kein Maschinengewehr im Arm, sondern die gute alte Armbrust über der Schulter. Der "Fischerknabe" wirft keinen Außenbordmotor an, sondern stakt, wie zu Teils Zeiten um 1300, wie in Schillers Jahren um 1800, seinen Kahn mit langer Stange durch den "Vierwaldstättensee". Kein Cassetten-Recorder dudelt auf der Schiffsbank, sondern der junge Mann singt sich selber seine Musik – und so beginnt Claus Peymanns Inszenierung von Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" am Burgtheater gleich mit einem Vers, der wie viele aus diesem 3290 Blankverse umfassenden Drama eingegangen ist in den Zitatenschatz von Büchmanns "Geflügelten Worten": "Es lächelt der See, er ladet zum Bade ..."

Und doch kein "umfunktionierter" Schiller, kein modernisierter "Teil", keine albern aktualisierte Fassung dieses seit der Uraufführung durch Goethe am 17. März 1804 in Weimar so oft ideologisch und politisch mißbrauchten Stückes, sondern eine realistisch genaue, nüchtern schöne Aufführung. Im Jubeljahr der Französischen Revolution, in der Zeit von Gorbatschows Versuch, den totalitären Staat zu demokratisieren, befragen Peymann (Mitarbeit: Airan Berg), sein Dramaturg Hermann Beil und der italienische Bühnen- und Kostümbildner Luciano Damiani Schillers Stück über den Tyrannenmord auf seine Wahrheit, seine Wirkungskraft für unsere Zeit. Sie entdecken viel.

Das oft belächelte Stück mit seinen bis zum Stammtisch heruntergekommenen Spruchweisheiten ("Die Axt im Haus erspart den Zimmermann") wird vier Stunden lang ein spannendes Vergnügen. Damianis fast leere Bühne mit weißen Gletschern, hellen Schneewächten, firnbedeckten Felsen wird zum Projektionsraum für die Vorstellungskraft der Zuschauer. Wenn Geßler schäumt: "Dies kleine Volk ist uns ein Stein im Weg", darf man an Vietnam, an Afghanistan denken.

Der Herzogshut auf der Stange, vor dem die Landleute von Altdorf dienern sollen, ist ein napoleonischer Zweispitz, wie ihn auch Geßlers Soldaten tragen. Ihre schwarzen, langen Mäntel rufen Erinnerungen an die Schergen der SS wach. Die grünen Militär-Kastenwagen, die Baskenmützen der Verschwörer versetzen uns ins Maquis der Resistance, die gegen die Besetzung der französischen Heimat durch Hitlers Armeen kämpfte. Die düstere Mauer, die Zwangsarbeiter aus schweren Quadern auftürmen, läßt an die Mauern im Warschauer Ghetto ebenso denken wie an die in den geteilten Städten (einst) Jerusalem, (noch) Berlin. Und wer sähe nicht spätestens dann, wenn die Riesenwand dröhnend eingerissen wird, das Bollwerk vor sich, das die szenischen Musiker von Pink Floyd in ihrem Spektakel von der aufsässigen jungen Generation, "The Wall", erst aufgebaut, zum Schluß niedergelegt haben.

Peymann und Damiani geben dem Zuschauer unaufdringlich Hinweise, die Geschichte vom Widerstand der drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwaiden vor siebenhundert Jahren und vom Einzelkämpfer Wilhelm Teil weiterzudenken in uns vertrautere Zeiten. So wird die Aufführung, nach dreißig Jahren die erste des Stückes am Burgtheater, zu einem öffentlichen Nachdenken über so aktuelle Fragen wie Gewalt und Gegengewalt, über Freiheit und wie sie erkämpft werden muß, über Freiheit und wie sie verkommt.