Der Schock sitzt mir noch in den Gliedern: Aber in Berlin bahnte sich an, in Frankfurt bestätigte sich, daß wir im nächsten Bundestag ziemlich sicher eine linke (rote oder rot/grüne) Mehrheit bekommen werden. Sie wird allein und unbeschränkt regieren; zum ersten Mal in der Bundesrepublik. Wirklich ein neues Zeitalter, wie Goethe es bei Valmy erlebte.

Inzwischen kann Kohl machen, was er will: Es ist immer falsch. Wenn er mal etwas richtig macht, ist es eben darum falsch. Die Koalitionsvereinbarung schrieb einen Kassensturz vor, sobald der Etat 1990 feststand. Man wollte sehen, ob noch Geld für soziale Leistungen da sei, vor allem für die Familienförderung. CDU- und FDP-Spitze meinen: ja und machen einen Plan, dem der Finanzminister und die FDP-Fraktion zustimmen. Die CDU-Fraktion will mehr: Der Kanzler möge noch einmal mit der FDP und dem Finanzminister verhandeln – er tat’s und bekam Konzessionen. Da beginnt der Krach wirklich – in der Presse. Kohl sei von seiner Fraktion desavouiert worden. Dieser Unsinn ist schon fast bösartig. Wie oft hat Adenauer in wichtigen Fragen der Fraktion nachgeben müssen. Aber Kohl ist eben immer „starrsinnig“ oder „weich“. In den Europa-Verhandlungen, also auf einer schwierigen Tribüne, hat sich Kohl als fest und geschmeidig erwiesen. Wenn denn Europa 1992 entsteht: Ohne Kohl wäre es nicht gelungen.

Ergebnis der neuen Koalitionsverhandlungen übrigens: Das Kindergeld für das zweite Kind wird von 100 auf 130 Mark erhöht. Das liest sich bei Klaus-Peter Schmid (ZEIT Nr. 13, 24. 3. 1989) fast wie eine Bagatelle: „Für wie viele Haushalte ist die undifferenziert verteilte Aufbesserung nicht mehr als ein Taschengeld?“ Wirklich? Die Empfänger jener 360 Mark netto im Jahr werden die Antwort wissen. Immerhin, sagt sogar Schmid, kostet das den Bund jährlich 800 Millionen Mark. In der Tat: Solch kleine Summen addieren sich schnell. Ein den ZEIT- Leser selbst angehendes Beispiel: Wenn die Herstellung eines Exemplars der ZEIT einen Pfennig teurer wird, kostet das den Verlag 300 000 Mark im Jahr.

Klaus-Peter Schmid ist ein guter Journalist, aber ihm paßt die ganze Richtung nicht. „Die Familienpolitiker der Koalition finden sich damit ab, daß eine Bundesregierung die Erfüllung ihrer angeblich so berechtigten Forderungen (Schmid hält sie also für unberechtigt) von einem dubiosen Kassensturz abhängig macht.“ Ja, wovon denn sonst? Soll man Forderungen ins Blaue erfüllen?

Ein anderer Punkt: „So sinnvoll die steuerliche Berücksichtigung von Haushaltshilfen sein mag, so ist das doch eher ein Bonbon für gehobene Einkommensklassen (Schmid). Ja, was nun: Ist es sinnvoll oder nur ein Bonbon? Schmids Vorwurf trifft mich selbst. Ich habe nämlich schon vor mehr als zehn Jahren (ZEIT vom 22. 7. 1977) jene Berücksichtigung gefordert, im Interesse des Arbeitsmarktes. Beispiel: Ein junges Paar, beide arbeiten, heiraten und erwarten ein Kind. Die junge Frau möchte weiterarbeiten. Aber das Kind! Also eine Haushaltshilfe, vielleicht fünfmal in der Woche (am Wochenende kommt trotz Arbeitslosigkeit ohnehin niemand). Das kostet die Stunde zwölf bis fünfzehn Mark, bar auf die Hand, schwarz also, denn die Mitarbeiter wollen mit der Steuer nichts zu tun haben, sie verweigern die Anmeldung selbst dann, wenn ich die Steuer übernehmen will. Vier Stunden mal 12,50 Mark mal 220 Tage sind 11 000 Mark, dazu Fahrgeld, Essen, Urlaub – und die Angst, die Frau wird krank: Sie will ja nicht in die Kasse. Rundum kostet das 18 bis 20 000 Mark netto jährlich. Zu zahlen aus dem versteuerten Einkommen! Da wird die Ehefrau bald ihre qualifiziere Stelle aufgeben und die Arbeit der Putzfrau machen. Dabei fehlen uns Fachkräfte; arbeitslos sind Ungelernte.

Ich schätze 150 000 (meist) Frauen werden bei einer solchen Regelung ihr ungesetzliches Arbeitsverhältnis in ein gesetzliches umtauschen; 150 000 wird man neu engagieren. Ist das nicht einen Versuch wert? Statt gleich ehrenrührige Motive zu unterstellen („Dienstmädchen für reiche Leute“)? – Was jedem Handwerker, Arzt oder Anwalt zugestanden wird (Abzug der Kosten für Hilfskräfte), verwehrt man der Hausfrau – wenn das nicht Klassenkampf ist! Oder gehört die Frau in die Küche?

Profitieren würde vor allem der Einkommensmittelstand. Die können sich auch mit 60 bis 100 000 Mark Bruttoeinkommen eine ganztägige Haushaltshilfe nicht leisten, die kostet nämlich plus Steuer und andere Angaben, Geschenke, Wohnung und Ernährung rund 60 000 Mark, das ist den ganz wenigen Reichen vorbehalten. Sie spielen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung keine Rolle. Aber jener Mittelstand wird wieder einmal – gelenkt – Gegenstand des Hasses der Nation („Dienstmädchen“!). Das haben wir schon bei der Steuerreform gesehen: Sie begünstigt ein wenig die unterste Schicht. Die überwältigende Masse des Geldes ging an die Empfänger von 60 bis 150 000 Mark. Das mag man dann meinetwegen „Umverteilung von unten nach oben“ nennen – ich vertrete sie, weil sie nach meiner Ansicht dem effektivsten Teil der Nation dient, dem Teil, dessen Ingenium uns den Reichtum verschafft. Ab 1. Januar 1990 (dann tritt der zweite Teil der Steuerreform in Kraft) wird das ganz deutlich werden. Klar: Ich möchte die Leute begünstigt sehen, mit denen ich vor allem arbeite, die die Ideen liefern, von denen etwa eine Zeitung lebt, wie jeder andere Betrieb. Davon profitiert dann eine ganze Nation. Die Sozialdemokratie hat eine andere Klientel. Sie kann für sie sorgen; meist tun das schon die Gewerkschaften.