Weil eine Steuervergünstigung ausläuft, kommen viele mittelständische Unternehmen in neue Hände

Von Judith Reicherzer

Großvater Hagen hatte in einer Scheune in Soest 1910 begonnen, Batterien herzustellen. Unter seinen Söhnen und Enkeln wuchs der Betrieb zu einem der führenden deutschen Batteriehersteller. Die Hagens produzierten Batterien für Autos und U-Boote, für den Bergbau und für Kaufhauser. Der Laden lief, 78 Jahre lang. Jetzt verkaufte die Familie ihre gesamten Firmenanteile für sechzig Millionen Mark nach Spanien. Der Grund: die Steuerreform 1990. Hatten die Hagens im nächsten Jahr Kasse gemacht, waren fünfzehn Millionen Mark mehr Steuern fällig gewesen.

Das Unternehmen ist nur eines von vielen, die derzeit aufgrund der Steuerreform noch schnell den Besitzer wechseln. Denn Ende dieses Jahres läuft eine gewichtige Steuervergünstigung aus. Galt bisher nach Paragraph 34 des Einkommensteuergesetzes (EStG) für Veraußerungserlöse stets die Hälfte des jeweiligen Steuersatzes, so werden in Zukunft Betrage über fünf Millionen Mark zum vollen Satz zu versteuern sein, ganz gleich, ob ein ganzer Betrieb oder auch nur größere Anteile eines Gesellschafters verkauft wurden. Die Veräußerungswelle rollt, obwohl am ersten Januar zugleich der Spitzensteuersatz von 56 auf 53 Prozent sinkt.

Aufforderung zum Ausverkauf?

Der halbe Steuersatz war 1934 eingeführt worden. Damit sollten ältere Unternehmer, Apotheker, Handwerker und Ärzte von der Steuerprogression befreit werden, damit sie sich ohne finanzielle Probleme zur Ruhe setzen konnten. Doch auch der Milliardär Friedrich Karl Flick zahlte beim Verkauf seines Imperiums 1985 nur den ermäßigten Steuersatz. Dies war nicht im Sinne der Erfinder.

Im Zuge seiner großen Steuerreform wollte Finanzminister Gerhard Stoltenberg solche Fälle in Zukunft ausschließen: Nur noch Gewinne bis zu zwei Millionen Mark werden nach der alten Regelung behandelt, bei zwei bis fünf Millionen Mark kassiert der Fiskus dann bereits zwei Drittel des vollen Steuersatzes. Wer viel für seine Firma bekommt, soll in Zukunft mehr an den Staat abgeben, ein Flick soll nicht noch einmal begünstigt werden. Die Bundesregierung glaubt denn auch, mit der Reform nur die Großen zu treffen. In 99,5 Prozent aller Verkäufe liege der Erlös unter einer Million Mark, schätzt das Finanzministerium. Damit bliebe für die weitaus meisten Unternehmer im Fall eines Verkaufs alles beim alten.