Von Heinz Josef Herbort

Kleine Episode am Rande eines internationalen Musikwissenschaftler-Kongresses unlängst in Paris. Auf die Frage eines französischen Kollegen, ob denn die europäisch-abendländische Kultur sich inzwischen bis Finnland ausgebreitet habe, gibt Timo Mäkinen höflichnachsichtig zur Antwort: „Man kann es von vielen Seiten betrachten. Aber unbezweifelbar ist, daß zwei finnische Gelehrte im fünfzehnten Jahrhundert Rektoren der Pariser Universität waren.“

Als im Jahre 1981 zum ersten Mal eine Biennale für Zeitgenössische Musik in Helsinki ausgerichtet wurde, gab der als Koordinator fungierende Komponist Jukka Tiensuu der in diesem Lande vielleicht doch noch eher auf Sibelius eingeschworenen Mehrheit vorsichtig zu bedenken: „Unvoreingenommenheit ist der direkteste Weg zum Verständnis.“ Inzwischen fragt die Koordinatorin der fünften Biennale, die Komponistin Kaija Saariaho, weitaus forscher und provokanter: „Was erwarten wir von der Musik? Daß sie uns entspannt und wir uns amüsieren? Oder möchten wir tatsächlich mehr: Fragen, Risiken, Herausforderung, Kritik? Wollen wir uns wirklich anstrengen, um neue Welten zu entdecken?“ Keine hohlen Versprechungen: „Neue Musik liefert keine fertigen Lösungen.“ Aber mutmachende Einladung: „Sie beruft sich auf unsere Geschichte – und zugleich sagt sie: Hier gibt es etwas Einmaliges. Kommt mit uns auf die Suche!“

Diese Helsinki-Biennale ist weder die lästige Pflichtübung einer längst solcher Demonstrationen überdrüssig gewordenen Rundfunkanstalt (wie das Donaueschingen unseres Südwestfunks) noch das Blümchen, das sich ein moderner Serenissimus ins Knopfloch steckte (wie der IRCAM des Monsieur Pompidou) noch das Alibi-Randereignis einer unserer das ganze Jahr hindurch sich selber organisierenden Festspiel-Hydren.

Da haben sich ein paar Institutionen zusammengetan, weil sie wissen, daß sie nur gemeinsam und am gleichen Ende des Stricks ziehen können, wenn sie etwas bewegen wollen: der finnische Rundfunk, die Nationaloper, die Musikhochschule, der Komponistenverband, das Städtische Kulturamt und seine Philharmoniker, das Helsinki-Festival, eine „freie“ Veranstalter-Gruppe und das „freie“ Ensemble „Avanti!“ (ein variables Orchester, dessen Gründungsmotto charakteristisch ist: „Mit dem Arbeiten anfangen, nicht mit der Institution!“). Jeder machte seine Vorschläge, die Koordinatorin versuchte, ihre geplante Linie hineinzubringen, einiges mußte sie gegen ihren Willen einkaufen, anderes scheiterte noch in der letzten Woche, als etwa das Aufführungsmaterial aus dem hochorganisierten Deutschland (für York Höllers „Umbra“) sich als unbrauchbar erwies.

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Die Finnische Nationaloper in Helsinki besitzt eine Monopol-Stellung – sie ist die einzige „Voll-Oper“ des Landes. Andererseits darbt das Institut in einem Mini-Theater aus der „russischen“ Zeit unter Alexander II., bietet zwar je zehn verschiedene Opern und Ballette pro Saison, hat aber nur rund 400 Sitze und kaum Platz für ein paar Kulissenaufbauten. Zaristischer Kleinpomp mit schönen Jugendstil-Details gegen die tarifvertraglich reglementierten Notwendigkeiten eines Unterhaltungs-Etablissements im Medienzeitalter: Die Hoffnungen aller richten sich auf den Neubau, der für umgerechnet 200 Millionen Mark am Ufer der Töölö-Bucht entsteht – zur Zeit werkelt man in einer riesigen Baugrube an den Fundamenten, und die Eröffnung steht in den Sternen von 1992.