Von Klaus Pokatzky

Alfred H. hatte in der Zeitung von den Vorzügen der Filipinas gelesen. Sanftmütig seien sie, so stand es in den Anzeigen der Eheanbahnungsinstitute. Liebenswürdig. Zärtlich. Anschmiegsam. Sehr, sehr weiblich. Und absolut treu. Alfred H. hatte "viele Firmen" angeschrieben. Bei Hans B. wurde er schließlich fündig. Der machte ihm ein ungewöhnlich günstiges Angebot: 3900 Mark. Alfred H. wußte inzwischen: "Das ist wenig." Nachdem er mit Rosalyn dos Santos* im "Institut" von Hans B. ein paarmal Kaffee getrunken hatte, bezahlte er das Geld umgehend. Gegen Quittung. Drei Monate später wurden Alfred und Rosalyn vor dem Standesamt getraut.

Leider verlief die Ehe nicht so, wie es immer in den Zeitungsanzeigen gestanden hatte. Morgens um halb acht ging Alfred H., 50 Jahre alt, ins Großraumbüro, und immer, wenn er nachmittags gegen fünf nach Hause kam, erzählte Rosalyn, sie sei wieder bei einer Freundin gewesen. Wie heißt die denn? Hat die Telephon? Kann ich dich da erreichen, wenn mal was passiert, wollte er wissen. Eine Antwort bekam er nie. "Dann wird man ja mißtrauisch – ne?" Überhaupt: "Das war praktisch keine, wie man so sagt: Zusammenarbeit ... Sie konnte schlecht kochen ... Es war nicht rosig mit der Hausarbeit." Und auch mit dem Sex – "man merkte schon, daß es nicht hundertprozentig war". Finanziell hat sie allerdings keine großen Ansprüche gestellt, "das hab’ ich ihr auch gleich gesagt".

Alfred H. war deshalb nicht zu Tode betrübt, als seine Frau während eines Urlaubs in ihrer Heimat die Scheidung einreichte. Aber Sorgen machte er sich wegen möglicher Unterhaltszahlungen. Entsorgt wurde er bald darauf durch einen anonymen Anruf. Eine Frauenstimme, "einwandfrei eine Deutsche", klärte ihn darüber auf, warum Rosalyn manchmal abends erst gegen zehn nach Hause kam. "Ich hab’ mit ihr zusammengearbeitet." In einem Sex-Club nämlich, in Moorrege, einem Dorf vor den Toren Hamburgs. Während Alfred H. also in seinem Großraumbüro saß, "war sie da nicht als Filipina, sondern als Thai-Mädchen", er solle sich nur mal die einschlägigen Zeitungsannoncen angucken.

Nun schnitt Alfred H. aus dem Hamburger Abendblatt und der Bild-Zeitung die Kleinanzeigen aus, in denen vom "kleinen Thai-Teufel, 18 J.", die Rede war, von der "Asiatin, 18 J., nett", vom "zierlichen süßen Mod., Thai, 18 J.". Die angegebene Telephonnummer kannte er vom Heiratsvermittlungsinstitut des Hans B., dem er die 3900 Mark bezahlt hatte. Die Ehe wurde im Juli 1986 geschieden, ein Jahr nach der Trauung.

Und das alles muß der kaufmännische Angestellte Alfred H. jetzt als Zeuge fremden Menschen vor Gericht erzählen, weil Hans B. vor der Zweiten Großen Strafkammer beim Landgericht Hamburg der Zuhälterei, des Menschenhandels, der gefährlichen Körperverletzung und der Nötigung angeklagt ist. Er soll nicht nur Rosalyn dos Santos, sondern auch die Filipina Melanie Rosas* erst mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt und hier dann, mit Schlägen und Drohungen, zur Prostitution gezwungen haben.

Für die beiden Frauen, die Hauptbelastungszeuginnen, ist eine Dolmetscherin der englischen Sprache bestellt worden, eine freundliche ältere Dame. Vor dem Richtertisch stehen für Zeugin und Dolmetscherin zwei Sitzmöbel: ein hölzernes Stühlchen und ein gepolsterter Sessel aus grünem Leder mit Armstützen. Rosalyn dos Santos, eine kaum 1,60 Meter große Person, steht vor dem Sessel, als der Richter sie auffordert, sich doch bitte zu setzen. "Ich würde gern in dem bequemeren Stuhl sitzen", sagt die Dolmetscherin resolut und drängt die Zeugin beiseite, die eingeschüchtert auf dem Holzstuhl Platz nimmt.