Von Fredy Gsteiger

Morgens um sieben ist die Welt im Zürcher Bankenviertel noch in Ordnung. Dicht gedrängt stehen die Menschen in den Straßenbahnen, die im Minutentakt, blauen Tatzelwürmern gleich, auf den Paradeplatz, das Zentrum des Finanzplatzes Schweiz, zukriechen. „Durchsage der Leitstelle: Es ist jetzt sieben Uhr zehn.“ Alle paar Minuten erfahren die Pendler über die Lautsprecher in den Straßenbahnen die Uhrzeit; Schweizer Pünktlichkeit beginnt schon am frühen Morgen.

Aus den Tatzelwürmern wieseln sie dann zu den gediegenen und diskreten Bankpalästen: Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Schweizerische Bankgesellschaft (SBG), Schweizerischer Bankverein (SBV) und Schweizerische Volksbank (SVB) sind nur wenige Schritte voneinander entfernt. Geballte Wirtschafts- und Finanzmacht, die man von außen kaum vermuten würde. Und auch in den Gebäuden läßt sich zwar der hohe Preis der Ausstattung vermuten – peinlichst wurde aber darauf geachtet, jeden Anschein von Protzigkeit zu vermeiden.

Eigentlich müßten die helvetischen Bankangestellten dank flexibler Arbeitszeiten nicht vor neun im Büro erscheinen. Doch in der Schweiz arbeiten die meisten nicht nur lange, sondern zum gern erweckten Eindruck von Tüchtigkeit und Pflichtbewußtsein gehört auch, früh am Morgen zu beginnen. Das Personal, zuverlässig und bestens geschult, gilt als der große Konkurrenzvorteil der Schweizer Banken. Kein Geschäftsbericht, in dem der Aufsichtsratsvorsitzende nicht zu einer kurzen Lobeshymne auf „unsere hervorragenden Mitarbeiter“ anhebt.

Doch dieses Bild von Eintracht und Wohlstand soll nun trüb werden. Das wäre schlimm für die Schweiz, wo nicht zuletzt der Dienstleistungssektor, allen voran die Banken, den Niedergang wichtiger Industriezweige wie Uhren, Maschinenbau und Textilien gut verschmerzen ließ und eine beneidenswert niedrige Arbeitslosigkeit von kaum einem Prozent ermöglicht. Knapp 119 000 Mitarbeiter stehen auf den Gehaltslisten der Banken; das ist eine respektable Zahl in einem kleinen Land mit weniger als sechseinhalb Millionen Einwohnern.

Doch das könnte sich bald ändern. Bereits werden die Stellenanzeigen der Banken, die seit Jahren prominenten Raum in den Gazetten einnehmen, etwas spärlicher. Und erste mahnende Stimmen aus der sonst so diskreten Branche werden laut.

Kurt Schiltknecht ist eine Ausnahmeerscheinung im eidgenössischen Bankwesen. Jahrelang Meisterdenker in der unabhängigen und überaus einflußreichen Nationalbank (die Schweizer Zentralbank), blieb ihm der Sprung ganz an die Spitze des Instituts versagt, weil er ein sozialdemokratisches Parteibuch besitzt. Die bürgerliche Mehrheit in der Regierung sperrte sich dagegen, den Genossen Schiltknecht in die Top-Position zu hieven. Die mit der Wirtschaftspartei FDP eng verflochtenen Banken brauchten bloß anzudeuten, daß sie eine Ernennung Schiltknechts als Provokation betrachteten; an den fachlichen Qualifikationen des damaligen Notenbankers wagte allerdings niemand zu rütteln. Schiltknecht zog sogleich die Konsequenzen und wechselte auf den – weit einträglicheren – Chefposten der Nordfinanz-Bank. Und seit Anfang vorigen Jahres sitzt er gar der fünften schweizerischen Großbank, der Bank Leu, vor (was einige überaus konservative Aktionäre ohne Erfolg zu verhindern gesucht hatten).