Während Helmut Kohl, umgeben vom majestätischen Schweigen der Berge, fastete und dachte, ging seinen Hinterbliebenen in der Union das Herz und der Mund über. Sie bestätigten dabei aufs Schönste die wissenschaftliche Erkenntnis, daß Politik ein multifaktorielles Unternehmen ist – auf deutsch: Es kommt allerlei zusammen, wenn’s schiefgeht.

Der Stuttgarter Ministerpräsident Späth hatte die alte Auskunft parat, die Darstellung der Regierung sei „oft indiskutabel“. Der Politologe Kaltefleiter erkannte in der Koalition ein „Zuviel an Sozialpolitik“. Rainer Barzel fand, „daß wir doch manche wirklich kleinen Leute mit ihren Sozialproblemen vergessen“, auch sei die Deutschlandpolitik nicht entschieden genug. Der CSU-Generalsekretär Huber beklagte wieder einmal die schrecklichen linken Tendenzen der Schwesterpartei, wodurch die „bürgerlich, nationalpatriotisch Eingestellten“ ihre politische Heimat verlören. Der ehemalige Berliner Senator Kewenig dagegen meinte, „nach meiner Einschätzung können wir nur gewinnen, wenn wir uns zur Mitte hin orientieren“. Der Chefredakteur des Bayernkurier, Scharnagl, empfahl der CDU, sie solle sich wie die CSU um die Stammkundschaft kümmern, Kurt Biedenkopfs Analyse jedoch gipfelte in dem Satz: „Wir machen eine Politik für eine überholte Wirklichkeit.“ Pater Streithofen diagnostizierte schlicht „Verschleißerscheinungen einiger Personen“, Materialermüdung gewissermaßen.

Norbert Blüm hingegen gelang die Wiederentdeckung des Gesetzes von der kognitiven Dissonanz. Es lautet, rücksichtslos vereinfacht, etwa so: Wenn Lage und eigene Überzeugung nicht zusammenpassen, wird eines davon verdrängt. Blüm weiß: „Die Lage ist besser als das Bewußtsein.“ Leider glauben die Bürger aber ihrem falschen Bewußtsein mehr als den schönen Fakten Blüms. Der stellt bekümmert fest: „Wir haben die Fähigkeit verloren, uns über die vielen guten Nachrichten zu freuen.“

Freude, das ist wahr, will in der Union nicht so recht aufkommen. Zwar ist ihre gedankliche Energie ungebrochen, aber sie richtet sich aufs falsche Objekt; die Union beschäftigt sich „unnütz mit sich selbst“ (Späth). Und die Bürger folgen dabei nur zu willig. Co op-Skandal: Früher hätte man darin die SPD und die Gewerkschaften richtig eintunken können, heute schaut fast niemand hin. Rot-Grün: Früher konnte man damit die CDU-Anhänger mobilisieren, heute sehen sie, mit sich selbst beschäftigt, die Gegner gar nicht mehr. Und selbst die heroische Anstrengung des CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler, aus dem Programmentwurf der SPD polemische Funken zu schlagen, machte die Bonner Journalisten nicht munter. Als Geißler sich weigerte, über die Krise der CDU zu reden, war die Pressekonferenz sofort zu Ende. Was die Presse wirklich interessierte, waren die letzten traurigen Umfragen nach der Popularität Helmut Kohls.

Geißler erlebte die Wirksamkeit einer weiteren psychologischen Regel, der interessengeleiteten Wahrnehmung. Am Beispiel verdeutlicht: Ein Macho, der zu einer Party geht, sieht dort nur flotte Miezen, dem Alkoholiker gerät vor allem die Bar in den Blick. Auf Bonn übertragen: Wer zur CDU geht, sieht und hört nur Krise. Lothar Späth fordert, man kann’s ja verstehen, die Union müsse sich jetzt endlich „mit voller Kraft dem Gegner zuwenden“. Schön wär’s! Hans-Jochen Vogel könnte in Latzhosen im Parlament erscheinen, nach kurzer Aufregung stünde bei den Christdemokraten doch wieder die Frage im Raum: Schaffen wir’s mit Helmut Kohl?

Eine Umfrage bei Landtags- und Bundestagsabgeordneten ergab, daß Bücher für deren Informationsbedürfnis von geringer Bedeutung sind, da sie in der Regel keine schnell verwertbare Information enthielten. Die Hälfte der Befragten wußte nicht zu sagen, welches Buch sie in den letzten Monaten gelesen hätte. Ein Lesetip für CDU-Abgeordnete: Die Galgenlieder. Rolf Zundel