Von Johannes von Dohnanyi

Die Gastfreundschaft ist fast schon beschämend. Das am Nachmittag im Gespräch beiläufig geäußerte Lob für die persische Küche hat die Frauen zuerst auf den Markt und dann in die viel zu kleine Küche getrieben. Sie haben ein ganzes Huhn – grenzenloser Luxus für die Flüchtlinge – und Horisht mit Mandeln und Rosinen gekocht. Um den Besucher gebührend zu bewirten, haben die Männer in der Zwischenzeit Stühle und einen richtigen Eßtisch geliehen. "Um von hier wegzukommen, würden wir noch viel mehr tun", sagt der Hausherr spät am Abend nach dem Kaffee. "Wir hatten gedacht, daß wir jenseits der Grenze wenigstens keine Angst ums nackte Leben mehr haben müßten. Wir haben uns geirrt. Auch hier in der Türkei sind wir auf der Flucht. Wenn wir bald kein Geld mehr haben, um die Polizisten zu bestechen, werden wir von Ankara gnadenlos über die Grenze in den Iran zurückgebracht."

Mohammed und seine achtköpfige Familie machen sich keine Illusionen über ihr Schicksal. Zu Tausenden sind Iraner in den vergangenen Jahren vor dem Ajatollah Ruchollah Chomeini und seinem fanatischen Regime über die Grenze in die Türkei geflohen. Jeder von ihnen ein Einzelschicksal, alle zusammen mit dem einzigen Wunsch: "Helfen Sie uns, nach Europa zu kommen. Hier sind wir nicht sicher." Wen die türkische Polizei zurück in den Iran deportiert, muß in der Regel mit einem Todesurteil rechnen. "Im Hinrichten haben die Mullahs seit einem Jahrzehnt beachtliche Fähigkeiten entwickelt."

Schon unter dem Schah Reza Pahlewi hatte Mohammed sich aus politischen Auseinandersetzungen herausgehalten. Die Rückkehr des Imam hatte der heute 35jährige Familienvater begrüßt, weil er sich sozialen Frieden und Ruhe erhoffte. Statt dessen stürzten die Mullahs den Staat zuerst in den blutigen Strudel der schiitischen Revolution und dann in den verlustreichen Krieg mit dem Irak. Als Angehöriger des Verteidigungsministeriums hat er dem Fronteinsatz zwar bis zu seiner Flucht entgehen können. Die ständige wirtschaftliche Not konnte er – wie schon in den Zeiten des Schah – mit Schwarzarbeit in einem Teheraner Krankenhaus mildern. "Alles in allem hätten wir es in Teheran wahrscheinlich, finanziell besser haben können als die meisten anderen."

Doch dann wurde zuerst die Schwester seiner Frau verhaftet und ausgepeitscht, weil sie mit einer Freundin auf der Straße gelacht hatte. Damit habe sie den nötigen Respekt vor den iranischen Märtyrern an der Front vermissen lassen, begründete der Schnellrichter sein Urteil und fügte noch hinzu: "Im Iran von heute gibt es nichts zu lachen." Wenig später landete die ganze Familie einschließlich der heute siebenjährigen Tochter Miko im Gefängnis, weil sie zu Hause in den eigenen vier Wänden gesessen und "patriotische Lieder" von einer Kassette gehört hatten. An heftig zugeschlagene Stahltüren während ihrer ersten Nacht hinter Gittern erinnert sich Miko noch heute. Und an das Schiebefenster in der Tür zu der überbelegten Zelle, durch das in regelmäßigen Abständen ein "Wächter der iranischen Revolution" schaute.

Schließlich wurde die Familie vorläufig freigelassen, doch mit der – auch für die Kinder geltenden – Auflage, sich täglich beim Revolutionsgericht um einen islamischen Prozeß gegen die eigene Dekadenz zu bemühen. Als Mohammeds Frau Ayscha nach stundenlangem Warten in der Kälte ohnmächtig zusammenbrach, beschuldigten die Pasdaran sie der Mißachtung Chomeinis. Das nächste Mal, so drohten die Jugendlichen, brauche sie ihren Prozeß gar nicht mehr abzuwarten: "Wir können dich auch gleich erschießen." – "Das war der Moment, in dem wir erkannten, daß unsere Kinder in einer anderen und vor allem menschlicheren Umgebung aufwachsen sollten."

Gegen einige hundert Dollar drückten die iranischen Grenzer beide Augen zu, als die Frauen und Kinder der Familie mit gültigen Reisepässen in die Türkei fuhren, obwohl ein dicker Stempel in den Dokumenten das Verlassen des Iran ausdrücklich verbot. Pro Kopf 3000 Dollar zahlten wenige Nächte später Mohammed und die anderen Männer seiner Familie, um in einem zum Flüchtlingstransporter umgebauten Lastwagen an die Grenze gebracht zu werden. Von dort ging es dann zu Fuß weiter in die türkische Grenzstadt Vanh, wo sie zu zwölft zwischen Orangenkisten auf einem anderen Lkw für die mehrtägige Reise nach Istanbul versteckt wurden. Dort fand die Familie dann – endlich wieder vereint – wie Tausende anderer Familien aus dem Iran auch, im Viertel Aksaray eine ebenso überteuerte wie illegale Unterkunft.