ZDF, Montag, 3. April, 22.10 Uhr: "Weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt" – die Lorelei als Fee und Felsen

Der Film erzählt die Geschichte einer Legende. Erst geht sie von Mund zu Mund, dann wird sie in Verse gebracht und gedruckt und vertont und ist nicht mehr, was man vom Hörensagen kennt. Ist nicht mehr, was in Wirklichkeit ganz anders ist als das, was man erzählt bekommen kann und was nur Ahnung wäre, Stimmung: Steht in den Schulbüchern fortan und in den Liederfibeln der Gesangsvereine, ist deutsches Liedgut, das man schwarz auf weiß nach Hause tragen kann. Nun weiß man also, was es mit dem Felsen auf sich hat.

Man kann auch hinauffahren und hinuntersehen. Man kann mit dem Dampfer daran vorüberfahren. Man kann mit der Eisenbahn mitten hindurchfahren. Man genießt die Natur und den Kaffee und ist über Legenden eigentlich erhaben. Gewiß, die Sicht ist prächtig, aber was macht das Plätzchen auf dem Felsen so berühmt, daß niemand es auf dem Bummel durch Europa auslassen darf? Was ist dran an diesem Fluß-Knick und dem schroffen Felsen? Der Yankee hört eine touristische Erläuterung vom Band und guckt Löcher in die Luft. Da schlüpfen rasch zwei Düsenjäger durch, husch sind sie fort – und schon hat uns ihr Gebrüll. Der Felsen als Orientierungspunkt für Übungsflüge.

Der Felsen als Gegenstand romantischer Dichtungen. Ein Heine-Kopf steht da von Arno Breker. Der "heimatlose Literatur-Jude Heine". In den Schulbüchern von 1934 galt der Verfasser des unentbehrlichen "Ich-weiß-nicht-was-soll-esbedeuten" als unbekannt. Und man stemmte eine Lorelei-Thingstätte in den Fels. Aber warum? Warum nur?

1932 gießt Kästner seinen Spott aus über den deutschen Helden, der droben einen Handstand wagt und runterfällt: "... Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen / ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt." Wir schmunzeln. Wir bilden uns, wir lesen auch noch im Brockhaus nach über Feen und Gnome. Und begreifen immer weniger. Was ist dran an dieser Legende?

Ein Lorelei-Walzer auf dem Rhein-Dampfer, mit wogenden Harfenklängen. Eine amtierende Lorelei für Erinnerungsphotos. Man will es wissen, man will dabeigewesen sein, will es mitbringen können, was man nicht gefunden hat. Man will sich erinnern; zum Beispiel an das lodernde Spektakel "Rhein in Flammen". Das ist was fürs Auge: Lorelei? Kenn’ ich.

Ich weiß nicht. Soll das vielleicht doch etwas bedeuten? Die waren eben noch nicht so weit mit ihrer Schiffahrt. Und außerdem haben sie nicht richtig aufgepaßt. Das ist gut für einen Ausflug, das kann der Vater dem Sohn in drei Sätzen erklären. Aber zu entdecken gibt es da eigentlich nichts. Wir wissen Bescheid, auch wenn das Lied mit "Ich weiß nicht" anfängt. "Die schönste Jungfrau sitzet" – naja, schön ist immer mehr als eine "Gewaltige Melodei" – ach, was ist denn schon gewaltig; und was soll "wildes Weh" sein, ist das ironisch gemeint?