An der Wand der Ostberliner Apotheke hängen Ratschläge für Verschnupfte – die Lehrlinge haben sie gemalt und aufgeschrieben, wie Nasentropfen einzunehmen und Kamillendämpfe zu inhalieren sind, welche Getränke die Erkältung lindern helfen: heiße Zitrone, Tee mit Zitrone, Lindenblütentee. Eine Zeile ist zugeklebt. „Haben die Lehrlinge da einen Fehler gemacht?“ „Nein. Da stand Hagebuttentee, aber den haben wir nicht immer. Deshalb haben wir ihn zugeklebt.“

Jemand hat in einer sächsischen Zeitung annonciert: „Stelle mich für Sie nach Theaterkarten an, warte für Sie auf den Klempner, besorge Einkäufe für Sie.“ Vermutlich hat ein Rentner die Anzeige aufgegeben, einer, der seine freie Zeit anbietet für die langwierigen Geschäfte des Alltags – eine Marktlücke, die einträgliches Zubrot verheißt.

Ein Witz, den sich Arbeiter in der DDR erzählen: „Warum ist die Arbeitsproduktivität im Westen immer noch höher als im Osten? Weil im Westen Kommunisten Berufsverbot haben.“

Deutsche Hunde dürfen hoffen. Bisher konnten sie – trotz aller Entspannung unter den Menschen – zusammen nicht kommen, weil die DDR nicht im Internationalen Dachverband für Hunde ist, ebensowenig wie die Sowjetunion. Und deshalb sind die deutschen Hunde aus Ost für die deutschen Hunde aus West so gut wie nicht existent, sind allenfalls sogenannte Hunde. Selbst der DDR-Champion ist bei uns so wertlos wie ein Bastard, er konnte bisher nur aufgewertet werden auf dem Umweg über Polen, die Tschechoslowakei oder Ungarn, die – weniger folgsam als die DDR – dem Internationalen Dachverband seit langem angehören.

Jetzt könnte sich das ändern, denn die Sowjetunion hat den Antrag gestellt, in den Internationalen Hunde-Dachverband aufgenommen zu werden. Die DDR könnte ihr folgen, und endlich könnten – Gorbatschow macht’s möglich – wieder verwandtschaftliche Beziehungen aufgenommen werden zwischen deutschen Pudeln, Boxern, Schäferhunden, Doggen, Dackeln und Hovawarts. Die mir befreundeten Hunde in der DDR sehen ihre deutsch-deutsche Zukunft allerdings weniger rosig als ich. Schließlich wissen sie, daß die DDR inzwischen längst nicht mehr alles nachahmt, was Moskau tut. Ob sie in diesem Fall wohl eine Ausnahme macht?

Anfang März hatte Gorbatschow Geburtstag. Nicht, daß der Tag in der DDR gefeiert würde. Ich habe das Datum nur durch Zufall entdeckt und zwar in einer kleinen Meldung im Programm des Ostberliner Hauses für sowjetische Kultur und Wissenschaft, dem ich daraufhin einen Besuch abstattete.

Im Programm steht ein Vortrag über aktuelle Probleme der Sowjetunion. Der kleine Saal ist fast leer, in der zweiten Reihe eine ältere Frau, eine Reihe dahinter ein alter Mann. Die beiden geben durch ihre Fragen ihre Sympathien gegenüber den Veränderungen in der Sowjetunion zu erkennen. Der sowjetische Gesprächspartner, ein Mann um die 40, versucht, sie ihnen auszureden. Er hält nichts von Pachtverträgen für Betriebe, nichts von Kooperativen auf dem Lande, und auch nichts von denen in der Stadt. Er erzählt von einem staatlichen Café in der Gorkistraße in Moskau, das dem Staat 40 000 Rubel im Jahr einbrachte. Jetzt sei es privat und bringe dem Staat nur noch 2000 Rubel, der Kaffee koste aber fünfmal so viel wie früher. Und er schimpft auf Ogonjok, die sowjetische Illustrierte, die so viele ehrbare Leute angreife. Beim Herausgehen komme ich mit den beiden Fragern ins Gespräch. „Vielleicht gehört es ja zur Demokratie“, überlegt die Frau, „daß nicht mehr von oben durchgestellt wird: Jetzt sind wir alle auf der Seite von Gorbatschow. Daß eben auch die zu Wort kommen, die daran rummäkeln.“