Im Kerker des Vergessens

Der Westen hat die Geiseln im Libanon abgeschrieben

Von Jean-Paul Kauffmann

PARIS. – Am 4. Mai vergangenen Jahres holten mich meine Häscher aus meiner Zelle, um mir die Freiheit zurückzugeben. Ich ließ in ihr einen Kameraden zurück, eine Geisel wie ich. Lange Tage hindurch waren wir an dieselbe Kette gefesselt. Heute sitzt mein amerikanischer Freund noch immer in seinem libanesischen Gefängnis.

Nach meiner Freilassung wollte ich zunächst seine Identität verschweigen, um ihn nicht zu gefährden. Denn unsere Kerkermeister hatten uns verboten, einander unsere wirklichen Namen zu nennen – ein unsinniges Verbot, denn nichts in der Welt kann zwei Menschen, die an dasselbe Eisen gefesselt sind, daran hindern, sich kennenzulernen.

Die Erinnerung an Fank Reed – so heißt er –, der im September 1986 entführt wurde, läßt mich nicht los. Auch nicht an die anderen Gefangenen. Thomas Sutherland, den ich wie einen Bruder liebte. Marcel Fontaine war die letzten sechs Monate seiner Geiselhaft mit Terry Anderson zusammengekettet, der von allen westlichen Geiseln am längsten im Libanon gefangengehalten wird.

Ich muß daran denken, daß sie in diesem Augenblick die Augen verbunden haben, daß sie seit drei Jahren weder Sonne noch Tageslicht erblickt haben. Wenn in wenigen Wochen die ersten Hitzewellen aufkommen, werden sie in ihren hermetisch abgeschlossenen Verliesen um Atemluft ringen.

In dieser unterirdischen Welt von Beirut, wo die Leiber einer geschundenen Menschheit vor sich hinvegetieren, ist das Schlimmste nicht die völlige Isolierung von der Außenwelt, nicht der Hunger und nicht einmal die schlechte Behandlung. Es ist das Gefühl, von der Welt verlassen zu sein.

Im Kerker des Vergessens

Denselben Staaten, die sich so über die Todesdrohung gegen Salman Rushdie erregen, ist das Los ihrer eigenen Staatsbürger, die täglich bedroht sind, gleichgültig geworden. Dabei ist es nicht weniger erschreckend, unschuldige Menschen in den Tod gehen zu lassen, als jene Parodie eine? Todesurteils gegen den Verfasser der "Satanischen Verse".

In Wahrheit sind die Geiseln im Libanon heute zu "Verdammten des Westens" geworden. Sie haben keine Hoffnung mehr auf Rettung; sie sind in Stille und Dunkelheit gefangen; sie dürfen die Weit der Lebenden nicht sehen; sie haben jede Bedeutung verloren.

Menschen als Ware

Das Fehlen jedes Lebenssinns ist die schlimmste Strafe, die einem Menschen angetan werden kann. Und das tragische an dieser Situation liegt darin, daß die Geiseln von Beirut dieser Folter sowohl von außen wie von innen ausgesetzt sind: von außen durch die Gleichgültigkeit ihrer Staaten und der öffentlichen Meinung, von innen durch ihre Häscher, die ihnen ebenfalls ihr Selbstwertgefühl als Menschen nehmen wollen.

Ich kann selbst bezeugen, wie in diesem erstarrten, schwindelerregenden Universum, in dem ich drei Jahre lang lebte, es der islamische Dschihad darauf anlegte, uns unserer Existenz als Menschen zu berauben. Sie legten uns in Eisen. Sie machten unsere Augen blind. Sie pferchten uns zusammen, um uns um so besser unterdrücken zu können. Sie wollten Gegenstände aus uns machen. Eine Geisel ist vor allem ein Paket. Und das ist nur logisch, weil sie der Gegenstand in einem Tauschhandel ist.

Aber heute geben London und Washington – in dem Glauben, durch Vergessen und Stillschweigen den Wert der Geiseln zu drücken, die sie ebenfalls als bloße Ware betrachten – den Gefangenen von Beirut den Status von Nichtvorhandenen. "Die schwerste Last des Menschen ist, leben zu müssen, ohne zu existieren", schrieb Victor Hugo. Die westlichen Geiseln sind für niemanden mehr existent, nur für ihre Familien. Sie sind heute zu einer Verhöhnung des Menschen geworden.

Man muß die Dinge in aller Nüchternheit sehen. Die Staaten wollen ihre Geiseln abwerten. Vielleicht glauben sie, unsere Häscher würden dadurch des Krieges müde und sie am Ende freilassen. Aber dies Kalkül hat sich als falsch erwiesen. Das offizielle Desinteresse hat nichts bewegt. Im Gegenteil: Mit jedem Tag werden die Entführer nur noch unnachgiebiger.

Im Kerker des Vergessens

Weil Frankreich sich für seine Geiseln einsetzte, wurden sie frei. Inzwischen wissen wir, daß Härte und Verschweigen nichts bewirken. Es war die Woge der Solidarität der Franzosen, die bei der Regierung in Paris den nötigen Handlungswillen auslöste. Ihm verdanken wir, daß wir aus unseren Ketten befreit wurden.

Aber in Großbritannien und den Vereinigten Staaten fehlt es sowohl an der Mobilisierung der öffentlichen Meinung wie am Willen der Regierungen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß der islamische Dschihad viel Zeit hat. Seine Männer sind entschlossen, hart und geduldig. Sie sind sich ihrer selbst sicher, weil sie ein Land hinter sich wissen – den Iran, der sie unterstützt.

Allein die islamische Republik des Iran hat die Macht, meinen gefesselten Kameraden die Freiheit zu geben; sie war es auch, die im Mai 1988 beschloß, uns freizulassen. Dasselbe Land, das sich auf den Koran beruft, um Rushdies Tod zu befehlen, bedient sich der Lehre des Propheten nach Belieben: Mohammed untersagte ja auch in aller Form die Entführung und Inhaftierung von Unschuldigen. Dieser selektiven Anwendung des Koran entspricht die ebenfalls selektive Empörung der durch die Rushdie-Affäre mobilisierten Regierungen. Die einzigen Opfer dieser Heuchelei sind die Geiseln, die nun, mehr als bisher, ihre Hauptaufgabe erfüllen: den Kopf für die anderen hinzuhalten.

Die Geiseln sind zu den Verbannten der Demokratien geworden, die erstaunlicherweise vergessen haben, daß Gleichheit auch die Solidarität mit den Leidenden bedeutet. Wann werden diese Länder begreifen, daß ihre Demütigung und ihr Ehrverlust noch viel größer werden, wenn sie ihre Bürger auf kleiner Flamme sterben lassen! Rushdie wird heute nur beroht. Die Geiseln aber sitzen im Vorzimmer des Todes. Einer von uns, mein Freund Michel Seurat, dessen Todesleiden wir miterlebten, wurde zum Opfer der grausamen Gleichgültigkeit unserer Kerkermeister – aber auch der Verzögerungstaktik des damaligen Außenministers.

Feige Demokratie

Die ehemaligen Gefangenen der islamichen Dschihad tragen ein Armband, auf dem die Namen ihrer noch eingekerkerten Freunde eingetragen sind. Und auch diese Inschrift steht darauf: "Hebräer XIII, 3". Dort heißt es: "Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Mißhandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib."

Dieses Mitgefühl, von dem Hannah Arendt meinte, es sei für Demokratien gerade "in finsterer Zeit" noch notwendiger als sonst, scheinen die letzten französischen Geiseln im Libanon nicht zu erfahren – Jacqueline Valente und ihr Baby. Nach der Freilassung ihrer beiden Töchter beglückwünschte man sich in Frankreich zu dem Happy-End – und vergaß darüber die Mutter. Hier und dort wird schon behauptet, sie weigere sich zurückzukehren – obgleich doch niemand bisher mit ihr Kontakt hat. Die angelsächsischen Geiseln im Libanon sind einfach abgeschrieben. Nun versorgt man sich mit Argumenten, um auch Jacqueline Valente im Stich zu lassen.

Im Kerker des Vergessens

"Niemand darf ohne Grund festgenommen, inhaftiert oder ausgewiesen werden", heißt es in schöner und eindeutiger Schlichtheit in der Erklärung der Menschenrechte. Wer aber soll denn in diesem universellen "Krieg aller gegen alle", wie Hobbes es formulierte, diesem Grundrecht Achtung verschaffen – wenn nicht die führenden Demokratien dieser Erde?

  • Jean-Paul Kauffmann lebt als Journalist in Paris. Drei Jahre, vom Mai 1985 bis Mai 1988, war er als Geisel im Libanon gefangen.