Denselben Staaten, die sich so über die Todesdrohung gegen Salman Rushdie erregen, ist das Los ihrer eigenen Staatsbürger, die täglich bedroht sind, gleichgültig geworden. Dabei ist es nicht weniger erschreckend, unschuldige Menschen in den Tod gehen zu lassen, als jene Parodie eine? Todesurteils gegen den Verfasser der "Satanischen Verse".

In Wahrheit sind die Geiseln im Libanon heute zu "Verdammten des Westens" geworden. Sie haben keine Hoffnung mehr auf Rettung; sie sind in Stille und Dunkelheit gefangen; sie dürfen die Weit der Lebenden nicht sehen; sie haben jede Bedeutung verloren.

Menschen als Ware

Das Fehlen jedes Lebenssinns ist die schlimmste Strafe, die einem Menschen angetan werden kann. Und das tragische an dieser Situation liegt darin, daß die Geiseln von Beirut dieser Folter sowohl von außen wie von innen ausgesetzt sind: von außen durch die Gleichgültigkeit ihrer Staaten und der öffentlichen Meinung, von innen durch ihre Häscher, die ihnen ebenfalls ihr Selbstwertgefühl als Menschen nehmen wollen.

Ich kann selbst bezeugen, wie in diesem erstarrten, schwindelerregenden Universum, in dem ich drei Jahre lang lebte, es der islamische Dschihad darauf anlegte, uns unserer Existenz als Menschen zu berauben. Sie legten uns in Eisen. Sie machten unsere Augen blind. Sie pferchten uns zusammen, um uns um so besser unterdrücken zu können. Sie wollten Gegenstände aus uns machen. Eine Geisel ist vor allem ein Paket. Und das ist nur logisch, weil sie der Gegenstand in einem Tauschhandel ist.

Aber heute geben London und Washington – in dem Glauben, durch Vergessen und Stillschweigen den Wert der Geiseln zu drücken, die sie ebenfalls als bloße Ware betrachten – den Gefangenen von Beirut den Status von Nichtvorhandenen. "Die schwerste Last des Menschen ist, leben zu müssen, ohne zu existieren", schrieb Victor Hugo. Die westlichen Geiseln sind für niemanden mehr existent, nur für ihre Familien. Sie sind heute zu einer Verhöhnung des Menschen geworden.

Man muß die Dinge in aller Nüchternheit sehen. Die Staaten wollen ihre Geiseln abwerten. Vielleicht glauben sie, unsere Häscher würden dadurch des Krieges müde und sie am Ende freilassen. Aber dies Kalkül hat sich als falsch erwiesen. Das offizielle Desinteresse hat nichts bewegt. Im Gegenteil: Mit jedem Tag werden die Entführer nur noch unnachgiebiger.