Fez, wenn der Muezzin ruft

Von Fritz J. Raddatz

Das Staunen soll auf dieser Reise mit jedem Tag wachsen. Per Zug geht es nach Fez (Fes), der sagenumwobenen "Perle des Islam", gegründet wohl um 807 und noch im 13. Jahrhundert mit seinem Reichtum von 785 Moscheen, 80 Brunnen und 93 öffentlichen Badern prunkend. Fez gilt als die sehenswerteste Stadt Marokkos und eine der schönsten der Welt – in einer arabischen Dichtung wird sie besungen "Die Taube verlieh der Stadt ihren Ring und der Pfau den königlichen Fächer. Ihre Fuße sind lauter Wem und jedes Hauses Hof ein Becher."

Meiner war zu Beginn eher ein Schierlingsbecher.

Im (sehr bequemen, klimatisierten) Zug, anfangs die Atlantikküste entlanggleitend, dann durch grun-fruchtbare hugelumsaumte Taler, sprach mich ein Mitreisender an; er sei Mathematik- und Franzosischlehrer, da jetzt Ferien seien – im islamischen Marokko gibt es Osterferien! –, hatte er ein wenig Zeit und wurde sich ein Vergnügen daraus machen, mir die Altstadt zu zeigen. Nach dem ersten Blick vom Balkon des Hotelzimmers über den augenscheinlich unentwirrbaren Maander der Stadt, die ein französischer Poet "eingebettet wie in einen reichen Schrein von Obstgarten, Stadtmauern und Friedhofen" beschreibt, "die Wallmauern schnüren Fez zuweilen fest ein", bin ich froh, für den Nachmittag die hilfreiche Verabredung getroffen zu haben

Es ist sechzehn Uhr. Der Muezzin ruft. Leicht scheppernd – fast in jeder Moschee kommt die Stimme vom Band Offenbar auch hier, vom Turm der berühmten El Kairaouine, 859 von Fatima – Tochter eines der frühesten Einwanderer aus Tetouan – gegründet, zugleich die älteste muselmanische Universität; angeblich hat Gerbert von Aurillac (um 940 bis 1003), der spatere Papst Silvester II., hier das Dezimalsystem mit den arabischen Ziffern und den Gebrauch der Nullen kennengelernt und nach Europa eingeführt

Mein Dezimallehrer Monsieur Ahmed ist pünktlich. Minuten spater sind wir schon in einer Gerberei, in einer Teppichweberei, in einer Goldschmiede. Mein Kleingeld schwindet rapide – denn so interessant es auch ist, das Scheren der Ziegenhaute oder die Kinder- und Frauenhände am Wollwebeschiffchen zu bestaunen, das Einlegen von Emaille in winzige Goldohrringe der Bursche bis über die Knöchel im Meer der schwarzen Ziegenhaare, der Teppichvorfuhrer und der Ohrnngverkaufer, jeder erwartete ein Trinkgeld und einen Handel, einen Kauf. Als ich nach Handtaschen und Sandalen, Messingkamelen und Keramikvasen vorschlage, irgendwo einen Kaffee zu trinken, weil ich nämlich gar nichts kaufen wolle, keinen Teppich und keinen Koffer und kein Armband, sagt Ahmed, der Oberstudienrat, ganz lieb, nur leicht erstaunt "Also nichts, gar nichts wollen Sie kaufen, nur das Museum, die Stadttore sehen?" Eine Minute spater, ich befummele eben noch hoflicherweise ein schrillgrunes Seidengewand mit lila Glitzerstickerei, ist Ahmed – weg. Spurlos verschwunden. Ohne ein Wort, eine Geste, eine Erklärung: weggetaucht im Gewimmel und Geschrei der Menschen, die Gassen so eng, daß kaum ein Esel, kaum ein Handkarren passieren kann.