Von Iring Fetscher

Unter dem Schlagwort "Fundamentalismus" werden heute höchst unterschiedliche Bewegungen und Tendenzen zusammengefaßt: der religiöse Fundamentalismus nordamerikanischer Protestanten, die im Namen einer wortwörtlich genommenen Bibel gegen die Deszendenztheorie Sturm laufen; der fundamentalistische Islam des Ajatollah Chomeini, der leninistische Fundamentalismus, der ökologisch-religiöse Rudolf Bahros, der terroristische der RAF und der extreme, militante Zionismus der illegalen Siedler im westjordanischen Gebiet. Gewiß, das sind Bewegungen und Tendenzen von unterschiedlichem Niveau, unterschiedlicher Stoßkraft und unterschiedlichem politischen Gewicht. Und dennoch haben sie zwei Dinge gemein: ihre Ablehnung der modernen, säkularisierten, pluralistischen und toleranten Zivilisation und ihr durch keinerlei Skepsis angekränkeltes Selbstbewußtsein, allein im "Recht zu sein".

Thomas Meyer bemüht sich in seinem brillant geschriebenen Essay darum zu verstehen, wie es zu diesen Bewegungen und Tendenzen kommen konnte. Das argumentative Schwergewicht seines Buches liegt auf dem ersten Teil, in dem "Genesis und Gestalt der Moderne" und der "Verlust der Tröstung" durch den Prozeß der Auflösung der "Mythen der Aufklärung" beschrieben werden. Nur vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wird das Entstehen und die weltweite Verbreitung fudamentalistischer "Aufstände" verständlich. So verschieden auch deren Ideologie im einzelnen sein mag, in ihrer Frontstellung gegen die säkularisierte, skeptische, aufgeklärte Moderne sind sie sich einig, was allerdings erbitterte Kämpfe gegeneinander nicht aus- sondern sogar einschließt.

Die "Moderne" hat – allerdings nur einem kleinen Teil der Menschheit – ungeahnte Befreiungen und Verbesserungen ihres Lebensstandards gebracht. Kehrseite dieser Entwicklung aber war, daß die Menschen "allein gelassen sind" wie in keiner Periode zuvor. Die Emanzipation von Individuum und Gesellschaft von religiösen und anderen tradierten Selbstverständlichkeiten war jedoch erträglich, solange die Mythen der Moderne wirksam und glaubhaft blieben. Es waren dies die Mythen der "Versöhnung von Mensch und Natur, der Versöhnung der Menschen untereinander, der Versöhnung von Freiheit und Glück und der Mythos des perennierenden Fortschritts ihrer Erfüllung". Dieser Fortschrittsmythos vor allem war und ist nur wenig glaubhaft für die verelendenden Massen des Iran oder anderer Länder der "Dritten Welt". Die "weiße Revolution" des Schah hat den "Schock der Moderne" auf dieses Land und seine ländliche Bevölkerung ausgedehnt und damit ein religiös benutzbares Feindbild bereitgestellt, auf das sich die Mullahs stützen konnten. Mit den ökologischen Katastrophen ist der Glaube an den endlosen Fortschritt auch in hochindustrialisierten Ländern fragwürdig geworden und hat nicht nur rationale und entschiedene Kritik an der Industriezivilisation dieses Typs ausgelöst, sondern auch religiöse Bewegungen, die im Namen des "Lebens" gegen die "tödliche Moderne" überhaupt Front machen. Nicht zum ersten Mal übrigens.

Die realen Fortschritte der modernen Naturwissenschaft und Technik waren nur möglich auf der Grundlage einer Befreiung des einzelnen von religiösen Tabus, mit dieser Befreiung aber ging zugleich traditioneller kultureller Halt verloren, ohne den nur eine Minderheit von Individuen auskommen kann. Angesichts begründeter Zukunftsangst flüchten – in allen zeitgenössischen Gesellschaften – Teile der Bevölkerung in neue vermeintliche "Gewißheiten". Wissenschaft und liberale Politik vermögen solche Gewißheiten nicht zu geben. Personen wie der Ajatollah und Bischof Lefebvre bieten sie an. Daß die Irrationalität und die Intoleranz fundamentalistischer Bewegungen das friedliche Zusammenleben in und zwischen den Völkern bedroht, hat die Fatwa des islamischen Religionsführefs Chomeini erst unlängst wieder verdeutlicht. Die Moderne hat vielen Menschen Chancen eröffnet, Chancen wie keine Epoche zuvor, "sie kann aber dem, der nach Halt, Geborgenheit, Orientierung oder Tröstung fragt, nach einer verwirrenden Fülle hinhaltender Zwischenbescheide am Ende nichts bieten als nur die Rückverweisung auf ihn selbst. Sie ist für Ansprüche dieser Art nicht zuständig. Sie setzt für die Entfaltung ihrer Möglichkeiten eben jene Ich-Stärke, Orientierungssicherheit und Selbstgewißheit voraus, deren zuverlässige und breitenwirksame Ausbildung sie ohne Absicht fortwährend untergräbt". Was also bleibt zu tun? Lebensverhältnisse sollten geschaffen werden, in denen alle Menschen sich zu jener Orientierungssicherheit entwickeln können, die eine pluralistische und liberale Gesellschaft von ihnen verlangt? Wenn das aber viel zu lange dauert und der Einbruch fundamentalistischer Propheten und Volksverführer damit nicht verhindert werden kann? Thomas Meyer erinnert in seinem Schlußkapitel daran, daß der nationalsozialistische Fundamentalismus einen Erfolg erst dann hatte, als die Massenarbeitslosigkeit ihm einen größeren Anhang zuführte. Wenn es den politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik nicht gelingt, Arbeitslosigkeit und Umweltgefahren zu überwinden, dann – so seine Folgerung – "könnte grüner Fundamentalismus zum chancenreichen Kandidaten für kulturelle Hegemonie werden". Mit anderen Worten: Fundamentalistische Gläubige können durch rationale Argumente nur selten von ihren Überzeugungen abgebracht werden, einzige Chance, solche Tendenzen zurückzudrängen, ist die Beseitigung der verunsichernden ökonomischen und ökologischen Nöte. Das dürfte im übrigen auch für "Republikaner" und "NPD"-Anhänger gelten.