Anja Meulenbelt: Scheidelinien

Das große WIR, in dem frau sich seit zwanzig Jahren aufgehoben fühlte, ist „Scheidelinien“ durchbrochen. Solche Binsenweisheiten und eine Vorliebe für schiefe Begriffe kennzeichnen Anja Meulenbelts Untersuchung über „Sexismus, Rassismus und Klassismus [!]“ in den eigenen Reihen. Die niederländische Feministin der ersten Stunde, bekannt durch ihre einst schamlos revolutionären Romane, plaudert diesmal aus der Schule. Ihre jahrelange Erfahrung als Dozentin an der Akademie für Sozialwissenschaften in Amsterdam treibt sie, die Krankheit, die uns alle heimsucht, beim Namen zu nennen: es ist (so sagt sie) die Unterdrückung, an der wir aktiv oder passiv, in einer oder in mehreren Erscheinungsformen leiden – und teilhaben. Wir alle, konstatiert Anja Meulenbelt, sind durch unsere Sozialisation in der Klassengesellschaft – in der Männer dominieren, Weiß eine schöne Hautfarbe ist und Heterosexualität als normal gilt – geschädigt. Wir sind nicht nur unterdrückt worden, wir unterdrücken auch andere, wenn wir nicht erneut unsere eigne Geschichte betrachten, unsere bewußten und unbewußten Unterdrückungsmechanismen erkennen und überwinden. Das Mittel zur Heilung heißt „Erfahrungslernen“, Reflexion und Austausch der je eigenen Geschichte und Verhaltensmuster in homogenen und heterogenen Gesprächsgruppen – ein Konzept, das voraussetzt, daß wenn schon nicht die Menschen im allgemeinen, so doch die Frauen guten Willens und lernfähig seien. Obwohl es interessant ist, anhand der Fallbeispiele aus der Amsterdamer Praxis einen ersten Eindruck von der multikulturellen Gesellschaft der Niederlande zu gewinnen, wirkt Anja Meulenbelts Studie „Scheidelinien“ (aus dem Niederländischen von Silke Lange; Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 360 S., 24,80 DM) eher ermüdend. Vom Geist der Revolution bleibt hier ein schaler Geschmack nach Didaktik und Moral – etwa so aufregend wie eine Religionsstunde in der Klosterschule.

Elisabeth Wehrmann

Peter Schultze-Kraft (Hrsg.): Der Paradiesbaum

Der Untertitel, „Erzählungen vom Eros Lateinamerikas“, wird dem Band den einen oder anderen enttäuschten Leser bringen. Denn der Herausgeber dieser zehn Erzählungen und eines Romanauszuges hält es mit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Eros, dem „Streben nach utopischer Größe, nach den geistigen Werten, nach dem Göttlichen, kurz: nach Selbstverwirklichung des Menschen“, und alle Hauptfiguren werden mit einem entscheidenden Moment ihres Lebens, der „Stunde der Wahrheit“, konfrontiert. Die kann, wie bei Borges, der Augenblick sein, in dem sich ein Soldat auf die Seite des Freiheitshelden Martin Fierro schlägt, aber auch das Sterben einer armen, verwirrten Alten in Ciarice Lispectors „Reise nach Petropolis“, der Abschied von der Kindheit in der Titelerzählung der Argentinierin Liliane Heker oder das störrische Festhalten an der eigenen Würde, gegen alle Einsicht, wie bei García Márquez’ Obersten und Rulfos namenlosem Sohn, der alles verliert, was ein Mensch nur verlieren kann, und trotzdem weitermacht. Schultze-Kraft ist es mit seinem „Paradiesbaum“ (Ammann Verlag, Zürich 1988; 179 S., 29,80 DM) nicht darum gegangen, neue Talente vorzustellen – obwohl: wer kennt hierzulande schon Liliane Heker oder Jairo Mercado? –, sondern einem Grundmotiv des Lebens nachzuspüren: Wann handelt der Mensch aus sich selbst heraus, und was gibt ihm die Kraft dazu? Die Forderung nach dem humanistischen Gehalt eines Kunstwerks, hier ist sie eingelöst. Erich Hackl

Marcel Konrad:

In meinem Rücken hängt das Vatertier – vor meinen Füßen liegt das Muttertier

„Wollen Sie weiterhören?“ fragte der 1957 geborene Schweizer Marcel Konrad vor fünf Jahren in seinem kleinen Buch „Erzählzeit“, einem gelungenen Stück Rollenprosa. Nun fragt er nicht mehr. Mutter und Vater sind an allem schuld: Ödipus, Schnödipus. Mag ja sein. Doch dieses Buch, so verkorkst wie der Titel, können sie nicht verdient haben. „In meinem Rücken hängt das Vatertier – vor meinen Füßen liegt das Muttertier“ (Ammann Verlag, Zürich 1988; 543 S., 48,–DM) ist ein einziges episches Mißverständnis, unförmig und dickleibig wie die Hauptfigur, jener Kommissar, den es streng sprachlogisch schon nach seinem ersten Auftritt nicht mehr geben dürfte: „Am Schreibtisch lag der fettliche General in seinen Sessel gegossen und schwitzte sich den ersten Sommertag des Jahres aus dem nach und nach sich verflüssigenden Leib.“ Flüssig kommt uns da noch manches bis zum bitteren Ende, dem dampfenden Sexualmord im Wald – nur der Stil eben nicht. Weiterhören? Den Leser möcht’ ich sehen. vhg.