Von Peter Kammerer

Wenn ein kenntnisreicher Mann wie Joachim Fest es sich in den Kopf setzt, genau zweihundert Jahre nach Goethe eine italienische Reise zu schreiben, kommt auf jeden Fall etwas Interessantes dabei heraus. Fest verfügt nicht nur über einen riesigen Zettelkasten, den er anscheinend ständig mit sich führt, sondern auch über ein ganzes Alphabet von Gewährsmännern und Gesprächspartnern, deren Bemerkungen und Antworten er genau notiert.

Überall fällt dem Autor so viel ein, daß der Leser sich von der eigenartig retardierenden Dynamik dieses Reisens – die sich in Überschriften äußert wie: „Auf der Weiterfahrt“, „Noch zum Vorigen“, „Am Rande“, „Noch dazu“, „Nachtrag“, „Aus Notizen“ – mitgezogen fühlt. Einmal wird es dem Schreibenden fast selbst unheimlich, wieviel er da vor sich hinplaudernd zu Papier bringt: „Im rechten Augenblick erinnere ich mich der Bemerkung, wonach das Geheimnis, zu langweilen, darin besteht, alles zu sagen.“ Das Buch wird jedoch selten langweilig, obwohl Fest auch nicht einen Gedanken zurückhält. Wem es nicht graust vor einem, der fast ständig nur Richtiges sagt, verschafft diese Lektüre daher manche Kenntnisse und Anregungen.

Italien wird vom Süden aus in Richtung Norden bereist, „gleichsam vom Ende her“, was dem herkömmlichen Weg widerspricht, aber den Vorzug hat, vor dem „unmerklichen Hinübergleiten in die Muster der Italienischen Reise“ zu bewahren. Bloch bemerkte 1925: „Man reist aber in dies Land meist falsch ein.“ Schon er empfahl den Weg vom Süden her, mit ausführlicher und origineller Begründung. Sind dem enorm belesenen Fest, der sonst mit Akribie jede Quelle vermerkt, ausgerechnet diese Aufsätze Blochs entgangen?

Und was bedeutet der Titel „Im Gegenlicht“? Der Autor blinzelt nie, er sieht die Details sehr klar, er hat immer die Sonne, den Wind und die Geschichte im Rücken, er hat sogar, wie schon Goethe, das Vermächtnis einer väterlichen Italienreise, das hinter seiner Reise steht. Von „Gehen“ also keine Spur. Eher Abendlicht (aber diesen Titel hat Hermlin besetzt) und ein günstiger Hintergrund, dem die schönsten Seiten des Buches zu verdanken sind: eindringliche Landschaftsschilderungen; ausführliche Exkurse zu Großgriechenland („der griechische Westen“); fast ein Essay zu Vergil; kluge Bemerkungen zu Wagner, Nietzsche, den Gebrüdern Mann; Nachrichten von neapolitanischen Besonderheiten; Betrachtungen zum Schicksal des römischen Imperiums als Lehrstück; Überlegungen zum italienischen Naturverhältnis, zur Italiensehnsucht der Deutschen und allgemein zur Kunst des Reisens. Die üblichen, in Deutschland gängigen Allgemeinplätze zu Italien werden kunstvoll vermieden. Der Autor zieht die gehobeneren Formeln der italienischen Konversation vor, die immer Unterhaltungswert und für deutsche Leser auch den Reiz des Neuen haben.

Noch zum Vorigen: Im Park des Grafen Tasca in Palermo bemerkt der Autor, daß das „Richtige“ nicht unbedingt das „Wahre“ sein muß. Nach der Familienüberlieferung der Tascas war hier Wagner zu Klingsors Zaubergarten inspiriert worden, was „vielleicht nicht die Richtigkeit, aber doch die Wahrheit für sich hat“. Diese Unterscheidung scheint mir um so bedeutsamer, als bei seinen Bemerkungen Fest nie „die Lippe der Wahrheit“ riskiert. Er bleibt immer im Schutz der Konvention des Richtigen. Daher wirken seine Äußerungen zu dem, was das große Thema dieser Reise sein soll, zur Zerstörung von Raum und Zeit und zum Verlust der Vergangenheit, immer so harmlos und beliebig. Dieser Reisende erschrickt nie. In seiner Assoziationsreihe: Klingsors Zaubergarten, Verhältnis von Landschaft und Kunstphantasie bei Wagner, Blick von Bieberich auf das „goldene Mainz“ als Inspirationsquelle zu den „Meistersingern“, schwingt nicht im entferntesten mit, was etwa der heutige Blick auf Mainz einem Fest bedeuten mag. Einmal zitiert er Goethes, beim Abschied von Neapel’ geschriebenen Satz: „Reisen lern ich wohl auf dieser Reise; ob ich leben lerne, weiß ich nicht.“

Das ist es. Bei Goethe hat jedes Wort, auch in der bearbeiteten Fassung dreißig Jahre später, mit dem „ungeheuren Leben“ zu tun. Bei der zweihundert Jahre später gekonnt gemachten Grand Tour fehlt jede Spur des Ungeheuren. Motiv der Reise ist „die Hoffnung, seine Eindrücke und Erlebnisse mitteilen zu können“ oder konkret, Stoff für gescheite Konversationen zu sammeln. Wie banal das werden kann, zeigt die Mafiastory.