Wir sind, so scheint es, auf Museen erpicht. Frankfurt allein zählt schon 27; Gründungsprojekte überall; uns selbst, Deutschland und die Deutschen, möchte eine fürsorgliche Bundesregierung gleich zweifach ins Museum bringen, in Bonn und Berlin – und je größer, je besser. Warum diese Mengenexplosion?

Zunächst liefern die Anfänge einen Hinweis. Wie die Neugier auf Geschichte beginnt das Zeitalter der Museen im 19. Jahrhundert. Es beginnt auch die industrielle Revolution, der Fortschritt und – eben damit – das Veralten. Was gestern noch und unvordenklich galt, das gilt auf einmal nicht mehr. Karl Marx gibt uns im „Kommunistischen Manifest“ eine dramatische Vorstellung: „Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ Und noch ein Zitat, diesmal von Rainer Maria Rilke: „Noch für unsere Großeltern war ein ‚Haus‘, ein ‚Brunnen‘, ein ihnen vertrauter Turm, ja ihr eigenes Kleid, ihr Mantel: unendlich mehr, unendlich vertraulicher; fast jedes Ding ein Gefäß, in dem sie Menschliches vorfanden und Menschliches hinzusparten. Nun drängen, von Amerika her, leere, gleichgültige Dinge herüber, Schein-Dinge, Lebens-Attrappen ... Die erlebten, die uns mitwissenden Dinge gehen zur Neige und können nicht mehr ersetzt werden. Wir sind vielleicht die Letzten, die noch solche Dinge gekannt haben.“ Daher, schärft der Dichter uns ein, tragen wir Verantwortung für das Bewahren.

Inzwischen hat sich das Veralten und Entschwinden in einem Maße verallgemeinert und beschleunigt, wie wohl weder Marx noch Rilke es sich vorstellen konnten. Firmensprecher verkünden stolz, daß es die Hälfte ihrer Produkte vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Der gleiche Sachverhalt aber bedeutet auch, daß wir im Zeitalter der Wegwerfgesellschaft, im Zeichen des Schrotts und des Mülls leben. Eine Art von Ironie, eine Dialektik scheint da am Werke zu sein: Wenn nichts veraltet, muß man nichts bewahren; wenn aber alles entschwindet, wird alles aufhebenswert. „Bloß nichts wegwerfen!“ ist die Parole, weil vom Spielzeug bis zum Kragenknopf kein Ding zu gering ist, um nicht museumsreif zu werden.

Bei den großen historischen Projekten könnte sich eine andere Vermutung aufdrängen. Dadurch, daß wir etwas ins Museum bringen, wird es vom Leben geschieden. Es wird weggeschafft und verliert die Beunruhigung, die von ihm ausgehen könnte; es wird „entsorgt“. Unsere neuere Geschichte hat uns so viel aufgeladen, den Schimpf und die Schande eingeschlossen, daß der Drang nach Entlastung fast unwiderstehlich scheint. Insofern paßt jene Form von „Patriotismus“, deren Aktualität sich jüngst in den Wahlen erwies, zum Drang ins Museum. – Und dann ist da noch die Angst vor der Zukunft. Die Siegesgewißheit des Fortschritts ist dahin. Das trifft die „linken“ Utopien wie den „rechten“ Glauben an den Sinn der Arbeit für immer mehr Wohlstandssymbole. Da liegt es nahe, im Vergangenen die verlorene Vertrautheit und Geborgenheit zu suchen.

Das alles sind wahrlich verschiedenartige, widersprüchliche Motive. Passen sie überhaupt zusammen? Ja, warum nicht? Fast niemals gehört die Eindeutigkeit, fast immer der Zwiespalt, die Vielfalt, ein Gewirr der Antriebe zum Menschen und zu den Epochen, in denen er lebt. Genau das macht es so spannend, Rückschau zu halten. Auch daraus nährt sich vielleicht unser Drang zum Museum – und vielleicht nicht einmal auf die schlechteste Weise.

Christian Graf von Krockow