Von Dieter E. Zimmer

Also sprach Ministerpräsident Ernst Albrecht am 17. Februar in Niedersachsens Landtag: „Schon die Verhaltensforscher sagen uns, daß die Angst vor dem Fremden dem Menschen wie fast allen Lebewesen seit Millionen Jahren genetisch mitgegeben ist... Wir sind deshalb gut beraten, den Zuzug von Ausländern von außerhalb der Europäischen Gemeinschaft auf das Maß zu begrenzen, das unser Volk seelisch verkraftet.“

Und also antwortete ihm auf der Stelle ein Vertreter der Grünen, Jürgen Trittin: „Wer mit biologistischen Vergleichen zu suggerieren versucht, daß so etwas wie Fremdenhaß nicht kulturell oder politisch bedingt, sondern sozusagen ein genetischer Erbschaden ist, der verharmlost und verniedlicht die Republikaner, der verharmlost und verniedlicht, was an Fremdenhaß und Ausländerfeindlichkeit in diesem Lande vorhanden ist.“

Beide Seiten haben da auf fast öde Weise genau die Deklarationen von sich gegeben, die man von ihnen erwartet: „Biologismus“ gegen „Kulturismus“. Polemische Etiketts aber entscheiden die Frage nicht: Hat das Fremdensyndrom – eine emotionale Reaktion irgendwo zwischen leichten und vom Verstand sofort korrigierten Vorbehalten und bis zu Mordgelüsten reichendem Haß – eine biologische (und das heißt genetische) Grundlage? Auch eine als „Biologismus“ disqualifizierte Meinung, vor der sich alle anständigen Menschen dreimal bekreuzigen, könnte ja richtig sein. Ob sie es in diesem besonderen Fall ist, darum geht es im folgenden. Gibt es also in der genetischen Ausstattung der menschlichen Gattung wirklich etwas, das uns Fremden gegenüber reserviert macht? Gibt es sozusagen Xenophobie-Gene? Was sind die Beweise? Wie stichhaltig sind sie?

Schon die Verhaltensforscher? Die Verhaltensforschung als solche sagt gar nichts über das menschliche Fremdensyndrom. Sie ist vollauf damit beschäftigt, das Verhalten von Buntbarschen oder Lachmöwen oder Rotgesichtsmakaken erstens zu erkunden und zweitens so zu erklären, wie Anatomen oder Physiologen Organe oder Körperfunktionen erklären: als evolutionäre Anpassungen. Das ist eine respektable Arbeit, die viel Beobachtungsgabe und Scharfsinn und eine eiserne Geduld verlangt und über die die Allgemeinheit zu Unrecht spöttelt. Mit dem Menschen befassen sich nur wenige; und von den wenigen haben sich noch wenigere je zum Fremdensyndrom geäußert. Albrecht hätte besser seine wirkliche Quelle genannt. Gemeint hat er wahrscheinlich: „Der Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt sagt uns ...“

Wer so argumentiert? Man ist es gewöhnt, daß politische Fragen durch Diskussion gelöst werden: Es siegen die besten – oder die lautesten – Argumente. Darum wird es manch einen verblüffen, zu hören: Ob das Fremdensyndrom eine genetische Grundlage hat, ist letztlich eine empirische Frage. Sind alle Schwäne weiß? Erwärmt sich das Erdklima? Gibt es den Yeti, könnte es ihn geben, wäre es nett oder lächerlich, wenn es ihn gäbe? Über solche Fragen läßt sich lange streiten, aber das letzte Wort hat immer nur die Wirklichkeit. Ob ein Forscher, der sich einem Phänomen wie dem Fremdensyndrom zuwendet, seiner Überzeugung nach Biologist oder Kulturdeterminist ist, das ist nur insofern von Bedeutung, als es möglicherweise seine Neugier lenkt, als es bestimmt, welche Hypothesen er aufstellt und welche er gar nicht erst erwägt. Am Ende jedoch werden alle seine Hypothesen dem Test der lebendigen Wirklichkeit unterworfen; die sie widerlegt oder bestätigt, und diesem Spruch muß er sich beugen.

Wenn man dies bei der Frage Fremdensyndrom nicht in voller Deutlichkeit sieht, so darum, weil die Beobachtungsinstrumente der betreffenden Wissenschaften bisher bei weitem nicht scharf genug sind, bestimmte Verhaltensgene zu identifizieren und genau zu beschreiben, welche der von ihnen synthetisierten Eiweißstoffe das Nervensystem auf welche Weise modifizieren und wie sich diese Modifizierungen schließlich im Verhalten niederschlagen. Eines Tages wird es vielleicht möglich sein; heute, morgen und übermorgen nicht. Was Empirie heute liefern kann, sind keine letztgültigen Beweise („hier siehst du das Gen, dort entsteht ein Protein, und da verstärkt es die Synapsen eines bestimmten neuralen Regelkreises“), sondern Indizien. Das Schöne an den empirischen Wissenschaften ist, daß sie darauf ausgehen, Indizien an den Tag zu fördern, die so stark sind, daß sich ihnen auch der nicht entziehen kann, der eigentlich das Gegenteil gemeint oder erwartet oder gewünscht hätte. Aber bis dahin ist es oft ein langer Weg, und bis das Ziel erreicht ist, muß man das Beste aus schwächeren Indizien machen. Dabei kommt viel Ermessen ins Spiel.