Von Reinhard Baumgart

Volumen und Gewicht schon des Buchkörpers versprechen etwas Monumentales und Gediegenes. Wer aber dann hineinblinzelt, ein Kapitel anschmökert, ein anderes durchfliegt, macht zunächst einmal widersprüchliche, irritierende Erfahrungen. Nur eines wird bald klar: das ist nicht und will auch nicht sein eine Literaturgeschichte des Romans.

Wer könnte auch, wie aus einer Fesselballonperspektive, noch eine derartige Vermessung einer riesigen literarischen Landschaft unternehmen? Wer möchte dann das Ergebnis in extenso lesen? Das Buch zielt aber auch nicht, wie sein Titel zu verkünden scheint, auf eine neue Theorie der Gattung. Es arbeitet zwar mit einem Netzwerk von Bezügen, von immer wieder variierten und modulierten Themen, doch das Gewicht liegt ganz auf den einzelnen Kapiteln, die bald nur als Skizzen, bald als Essays, dann wieder wie Minimonographien mit eingebauten Exkursen angelegt sind. Was also verbirgt sich hinter der imponierenden Fassade?

Daß die Auswahl der vorgeführten 21 Autoren als Legitimation nur das subjektive Leseinteresse des Verfassers vorweisen kann, hat dieser in seinem Vorwort schon einbekannt. Selbst das große europäische Romanjahrhundert, das neunzehnte, wird eher durchhuscht. Nur die obligaten Riesen tauchen auf, also Stendhal, Tolstoi, Balzac, Dostojewski, Flaubert, aber nicht einer der kleineren deutschen Giganten, weder Keller noch Fontane. Deutlich engagierter werden Wellershoffs Untersuchungen ohnehin erst im Übergang zu unserem Jahrhundert. Jetzt bekennt sein Interesse Farbe, und man beginnt zu ahnen, daß er im Zweifelsfall die interessanten Methodiker den passionierten Erzählern vorzieht. Folglich werden Sarraute und Robbe-Grillet durchgenommen, doch kein Blick fällt auf Céline oder Bernanos, Dos Passos und Pynchon werden untersucht, während Wolfe oder Hemingway, Julian Green oder Huxley aus dem Spiel bleiben, genau wie unter den Vorläufern Conrad, James oder Melville.

Darüber ist weder zu klagen noch zu rechten, das muß als persönlicher Kanon hingenommen werden. Hier schreibt niemand, der enzyklopädisch Auskunft geben möchte, sondern sich von seiner eigenen Leseerfahrung, ja wie sich noch zeigen wird, auch von seiner eigenen Schreiberfahrung leiten läßt. Nicht einmal die Gattungsgrenzen möchte er allzu pedantisch respektieren: Tolstois Novelle "Der Tod des Iwan Iljitsch" wird genauso als Erzählbeispiel analysiert wie später Kafkas Schlüsselgeschichten "Die Verwandlung", "Das Urteil" und "In der Strafkolonie", während von seinen drei großen Romanfragmenten nur "Der Prozeß" genauer angesehen wird.

Der Blickpunkt ist es, von dem aus eine Erzählung – ob kurz oder lang, streng- oder locker durchstrukturiert – eingreift in die Welt, die Wellershoff fasziniert. Denn Faszination, ein kühles Staunen regiert diese Essays bis in ihre Sprache hinein. Gebannt haften sie an ihren epischen Musterstücken, gebannt, doch nie hingerissen. Denn das Staunen, die Faszination wollen sich nicht nur ausdrücken, sondern müssen sich im gleichen Atemzug und Arbeitsgang auch sofort rational begründen und rechtfertigen lassen.

Nicht die im Titel beschworene "Erfahrbarkeit der Welt" wird dabei zum übergreifenden Leitgedanken, sondern eine Schritt um Schritt in zweihundert Jahren Romanschreiben und Romanlesen sich vollziehende "Entgrenzung der Wahrnehmung". Das mag, wie manche Begriffsprägungen Wellershoffs, zunächst kapriziös klingen. Könnte er nicht schlichter, weniger effektbwußt statt dessen reden von "Erweiterung"? Sicher nicht, denn nur die "Entgrenzung" garantiert den kühlen Schauder, die Schwindel-, Taumel-, Schwundgefühle, die Wellershoff an allen Innovationsschüben des Romans mit Vorliebe freilegt.