Hamburg: „Das Gold von Tarent“

Besucherscharen drängen sich in den schwarzverhangenen Räumen. Kein Staub liegt auf dem Boden, und es riecht auch nicht nach dem Staub von tausend Jahren. Sauber inszeniert ist die Grabesstimmung. Sparsames Licht kommt aus schwarzen keilförmigen Vitrinen: Minimalistische High-Tech-Möbel. Goldene Ketten, goldene Ohrringe, Totenkränze scheinen in ihren Schutzbehältern zu schweben, unsichtbar gehalten von Nylonfäden. Auf den Vitrinenböden zwischen weiterem zierlichen Totenschmuck stehen oder liegen Salbgefäße und Schminkgerät, auch Keramik und handgroße Terrakotten, Tänzerinnen, Satyren, Silene von geradezu ansteckender Lebendigkeit aus dem vierten bis ersten Jahrhundert vor Christus, gefunden in den Nekropolen von Tarent, dem einst mächtigen und stolzen „Paris von Groß-Griechenland“ an der Küste von Apulien. Vitrine für Vitrine der rekonstruierte Inhalt hellenistischer Gräber, sparsam angerichtet von römischer Designerhand: Schaufensterkunst mit all ihren Reizen – auch professionell zur Schau gestelltes Pathos: Was blieb von dem reichen, lebensdurstigen Volk, in der von den Spartanern um siebenhundert vor Christus gegründeten Stadt zwischen dem Mare Grande und dem Mare Piccolo? Die Spiegel sind blind geworden, von den Gewändern sehen wir ein kleines Häufchen glitzernder Goldfäden. Das antike Tarent, im fünften Jahrhundert groß geworden vom Handel mit den berühmten feinen purpurfarbenen Stoffen, mit rotschwarzer Keramik und den weit ins Hinterland an die einheimische Aristokratie verkauften Goldschmiedearbeiten, mit Schiffahrt und Tierzucht, Tarent, die Stadt des Luxus’ des Theaters und des Mädchenhandels, ging nach zahlreichen, teuer bezahlten Kriegen ruhmlos unter. Gegen die Römer mit den Karthagern verbündet, dann von den Karthagern besetzt, plünderten die Romer 209 vor Christus die Stadt, töteten viele ihrer Bewohner, verschleppten an die 30 000 in die Sklaverei. In den Vitrinen sehen wir eine im letzten Jahrhundert kraftloser werdende Handwerkskunst. Das feine, filigran gearbeitete Werk, in den schönsten Stücken mit fürs Auge kaum mehr sichtbaren Granulatperlen verziert, ist grob vereinfachten Formen gewichen. Noch bis zum 16. April sind die tarentinischen Goldschätze zu sehen, die danach wohl nie wieder ins Ausland reisen werden. (Museum für Kunst und Gewerbe, Katalog 48 Mark)

Elke von Radziewsky

München: „Die Mongolen“

Die mongolische Volksrepublik ist noch immer sechsmal großer als die Bundesrepublik Deutschland, winzig jedoch im Vergleich mit dem Weltreich der Mongolen, das in der Zeit seiner größten Ausdehnung, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, von China bis an den Euphrat und bis westlich von Kiew reichte. Die Heere des Herzogs von Schlesien und König Belas IV. von Ungarn waren bereits geschlagen – und wäre nicht plötzlich 1241 der Großkan Ögödei gestorben, dann hätten die Mongolen vielleicht ganz en passant das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ihrem Imperium einverleibt. Es ist schon faszinierend: 1206 macht Dschingis Khan aus den Mongolenstämmen per Dekret eine Nation, mit der Absicht, für diese Nation ein Staatsgebiet zu erobern, und beim Tod des Herrschers (1227) gehört ihr die halbe Welt. Sein Enkel Khubilai Khan, an dessen Hof Marco Polo sich lange Jahre aufhielt, regiert dann fast über die ganze Welt. Von der Entstehung des größten aller Weltreiche berichtet die Ausstellung nichts. Sie zeigt – in Form eines bunten, folkloristischen Bilderbogens – Kultur und Alltag des Nomadenvolkes und führt vor, wie die Mongolen lebten, sich kleideten, Feste feierten und Rituale begingen, nachdem sie von der welthistorischen Bühne abgetreten waren. Da Herstellungsweise, Gestaltung und Verzierung der Gegenstände aus jüngerer und jüngster Zeit offensichtlich aber eine lange Tradition haben, erhält man doch eine ganz gute Vorstellung von der Ausrüstung der mittelalterlichen Reiterheere, die ihren Erfolg letztlich der Beweglichkeit verdankten. Sie lebten nicht in Häusern, sondern in Zelten, in Jurten, die ingeniös konstruiert waren: Scherengitter bildeten die Wände, und Stäbe, die in die Gabelungen der Gitter eingesteckt wurden, die Dachverstrebung. Leicht, aber offensichtlich sehr wirkungsvoll bewaffnet, ritten sie in Satteln, die der Anatomie des Rückens ihrer kleinen Pferde optimal angepaßt waren. Alles, was sie besaßen, brauchten sie zum Überleben, so war jeder Gegenstand einfach und praktisch, nie jedoch ohne irgendwelche Schmuckformen. Die Prunkgewänder zeigen chinesischen Einfluß, die religiöse Kunst tibetanischen. Die Annäherung an den Buddhismus in der den Tibetern geläufigen Form geht auf Dschingis Khan zurück, hat den alten mongolischen Schamanismus allerdings keineswegs verdrängt. Khubilai Khan hat sich sogar für das Christentum interessiert. Zwei immerhin machten sich auf die Reise nach China, zusammen mit den Polos, unterwegs aber verließ sie der Mut. Wer weiß, vielleicht wäre der Großkhan, in Wirklichkeit Kaiser von China, konvertiert. (Haus der Kunst bis zum 28. Mai, Katalog 49 Mark)

Helmut Schneider