Die Szene ist Ägypten; rechts eine Pappmachepalme, grauweiß vereinsamt neben einem geknickten Standsonnenschirm. Ein blöde das Maul aufklappenden Löwenkopp, umrankt von Filmspulen aus klobigem Styropor, hängt gelb von der gut gestützten Rückwand, und die ist ein altrosa abgeschabtes Versatzstück aus dem Fundus: "Exit" steht auf zwei Eisentüren unter dem Pappschädel. Ist die Szene Hollywood?

Ist "Antonius und Cleopatra" die Geschichte einer bedingungslosen Liebe, das Drama vom Fall des Mächtigen durch die Gewalt einer schönen, aber gefährlichen Frau; ein Orkan entfesselter Leidenschaften in einem Meer von Schönheit, Lust und orientalischer Pracht... – ist dies der Stoff, aus dem das Kino ist? Der Film um Glück und Verzweiflung, soldatische Tugend und die Laster zügellosester Erotik? Ist dies "Unterhaltung für die ganze Familie", mit Elefanten, Sklavinnen und Helden, ein Ereignis unvorstellbaren Prunks an Schauplätzen von nie gesehener Schönheit? Räkelt sich Liz Taylor auf schwellenden Kissen? Brüllt Burton aus der Kulisse, stürzen Maciste, Spartacus, Sklaven und Buhlerinnen zum Kampf der Wagen?

Ach, schön ist sie schon, aber arg gelangweilt, die Liz Trissenaar, das alles um sie her rutscht irgendwie an ihr vorüber, sie steht weich die Arme drehend mittendrin und zieht sich um und um (und da die Kostüme von Yoshi’o Yabara sind, einem verspielten Fantasy-Schneider, gerät das zu einem immerhin interessanten Aspekt der Aufführung), dann läßt sie sich im Boudoir von der gestrengen Irm Hermann massieren, dieweil ein "Hodenloser" in Hieroglyphenhaltung säuselt, a kiss sei just a kiss, dann, wenn er angelangt ist bei "I wanna be loved by you", tanzt er mit Cleo im Stil der späten sechziger Jahre, ist ja egal, was man tut, die Zeit ist eh so lang (sie wird vier Stunden dauern), und alles ist so öde.

Mal schaut auch Hans Michael Rehberg herein, raucht eine Zigarette (wir nehmen an: eine "Memphis"), killert seine Cleopatra ein wenig, weiß nie, ob er geil sein soll oder direkt schlapp, grapscht, tapst nach Fleisch – ob das jetzt der Schenkel einer Wahrsagerin ist, der Oberarm von Octavius Cäsar, über den er sich empormelkt bis zu Cäsars Mund, oder ob ihm Cleopatras Epidermis in die Quere kommt: er grapscht, nach Fleisch wie nach dem Schwert, wie nach dem eignen Kopf – welch ein blödsinniges Leben das!

Denkt er an frühere Zeiten, ist es zum Heulen, und Rehberg schluchzt, sabbernd in die Knie gebrochen, seinem Adjutanten die nackten Beine hoch bis in den Schoß, wälzt sich auf seine Cleopatra, küßt sie mit Gesabber und lallt nach Wein – ’s ist alles eins. Denkt er an jetzt, ist es zum Lachen – und Rehberg lacht, daß ihm der Kiefer entzweiklappt und blechern die Gelächterbrocken herausfallen: Was um alles in dieser verschwitzten Welt wird hier gespielt, fragt er sich (als Antonius, aber auch als Rehberg). Sind wir nun in Hollywood oder bei einer Betriebsfeier der Studioarbeiter, die in Kulissenresten, nach sommernachtsträumender Handwerkerweise, auch mal was spielen wollen von Liebe und Leid? (Wer aber hier den Löwen auch spielen wollte, das ist Hans Neuenfels: der nicht bloß inszenierte, sondern gleich das Bühnenbild mitentwarf. Zu sagen, als Regisseur sei er doch besser, wäre für diesmal kein brauchbarer Maßstab; fest steht, daß es gelernte Bühnenbildner gibt, die zu beschäftigen oft lohnende Investition ist.)

Der MGM-Filmstudio-Einfall ist jedenfalls vernichtender Blödsinn. Das Stück ist ja gerade nicht von Metro-Goldwyn-Mayer, und weil es von Shakespeare ist, hat es natürlich nichts zu tun mit brausender Kintop-Erotik und tobenden Cinemascope-Schlachten, dafür mit jammerndem Glück (beim Lieben) und glücklichem Jammer (im Krieg).

Mag da einer behaupten, alles drehe sich letzten Endes ums Sexuelle, mag einer erklären, es gehe vielmehr stets um die Macht – unser Shakespeare-Held ist Herr über ein Dritteil der Welt und will jetzt nur noch von Umarmungen wissen: "Hier nur ist mein Reich / Throne sind Staub; vom Erdenkot nährn Mensch / Und Viech sich gleich", der Menschen Leben jedoch werde einzigartig und geadelt allein durch Liebe.