Von Barbara von Becker

Ein Philosoph nimmt an einem Symposion über die „mögliche Aktualität des Solipsismus“ teil. Eines Abends verläßt er frühzeitig den Vortragssaal, läßt sich von einem Taxi zu einer Confiserie fahren, kauft sich 125 Gramm Buttertrüffel und verzehrt sie, während er im Bahnhofsviertel an Peepshows vorbeischlendert. Und nicht die anrüchige Gegend, sondern „allein die Lüsternheit, mit der er seine Trüffel aß“, erfüllte ihn mit Scham.

Ein hübscher kleiner Einfall, von Jochen Schimmang auf der angemessenen Länge von knapp anderthalb Seiten erzählt. Aber selbst auf dieser Kurzstrecke schafft es der Autor, eine der vielen ärgerlichen Ungenauigkeiten unterzubringen, von denen es in den acht Erzählungen wimmelt: Angeblich versetzt der Genuß der Buttertrüffel den Philosophen in einen Zustand „vollkommenen Glücks“ – und dann Schamgefühle über die eigene Lüsternheit?

Nach dem Debütband „Der schöne Vogel Phönix“, den autobiographischen „Erinnerungen eines Dreißigjährigen“ an die Jahre 1968 bis 1978, der Erzählung „Das Ende der Berührbarkeit“ mit miefigen Beziehungsproblemen und Alltagsbanalitäten und dem Erzählband „Der Norden leuchtet“ ist „Das Vergnügen der Könige“ das vierte Buch des 1948 geborenen Autors.

Schimmang entwickelt in diesen Texten eine Vorliebe für Philosophen, Professoren oder doch wenigstens literarisch gebildete Spitzenmathematiker. Einer von ihnen ist der Versicherungsmathematiker Monsieur P.; ihn hat ein schweres Leiden schon vor Jahren gezwungen, seinen Beruf aufzugeben. Fortan mehrt er sein Vermögen durch Glücksspiel und Renneinsätze, sucht Zerstreuung in Nachtclubs, Casinos, der eigenen Theaterloge oder guten Restaurants. Die Imitation eines Proustschen Dandys mißrät. Schimmang läßt seinen 38 Jahre alten Bonvivant in gestelzt altväterlichem Ton flache Sentenzen verbreiten, die dessen „große geistige Überlegenheit“ beweisen sollen, aber über Volkshochschulwissen und Küchenpsychologie nicht hinausgehen. Er beeindruckt damit lediglich den Anlageberater seiner Bank, der uns kundtut: „Vom ersten Moment an mußte man einfach das Gefühl haben, mit einem ganz außergewöhnlichen Menschen zusammenzusein.“ Tatsächlich?

Im Foyer des Spielcasinos beobachten Monsieur P. und der Bankfachmann die Besucher: „Viele davon waren junge Paare aus dem Umland, die das Casino ausprobieren wollten, wie sie zuvor die Discotheken und die Kinos ausprobiert hatten. Auch einen Herrn sahen wir das Casino betreten.“ Nun muß die Rezensentin gestehen, daß sie noch nie in einem Spielcasino war und deshalb die Mitteilung, auch ein „Herr“ habe diesen Ort aufgesucht, vielleicht nicht entsprechend würdigen kann. Dagegen hält sie es entschieden für fraglich, ob der als kühler Kopf und messerscharfer Logiker vorgestellte Monsieur P., in mathematischer Wahrscheinlichkeitstheorie versiert, aus Angst davor, im großen Saal des Casinos könnte ihm ein Kronleuchter auf den Kopf fallen, sich nur in den kleineren Räumen aufhält – er weiß zwar, daß es dort genauso passieren könne, hält er das aber „aus irgendeinem Grunde... für unwahrscheinlicher.“

Das in jeder der acht Erzählungen wiederkehrende Problem dieser Texte ist die Achtlosigkeit, mit der Behauptungen gesetzt werden, die durch keinerlei stimmige Beobachtung abgesichert sind, bestenfalls an der Oberfläche des Offensichtlichen bleiben – oder aber sich schlicht widersprechen. Zum Teil sind sie einfach schlecht erfunden, wie die Szene, in der sich der Neuzeit-Dandy Monsieur P. vor einer Prostituierten verbeugt. Zum anderen verdrießen stilistische Unbeholfenheiten. Wenn es da heißt: „Bei uns saßen einige Geschäftsleute, einer davon vermutlich aus dem Libanon“, dann verraten diese Mutmaßungen eines Autors dem Leser reichlich wenig. Dagegen würde mit „einer sah aus wie ein Libanese“ eine erzählende Position bezogen, die die Vermutung einschließt. Das sind handwerkliche Techniken des Schreibens, die ein Lektor beim ersten Buch seinem Autor beizubringen hätte.