Von Klemens Polatschek

In hallenartigen Gebäuden der amerikanischen Westküste keimt ein Fieber, und in einem geheimnisvollen Rhythmus befällt es stets erfrischt die Welt: Morbus Disney. Die Kranken leben vorübergehend in dem Wahn, Tiere seien so eine Art Schauspieler.

Die Inkubationszeit beim Streifen „Der Bär“, derzeit in den deutschen Kinos, beträgt zwei bis zehn Minuten. Dann steht für Menschen mit Herz fest: Bären sind niedliche und verständige Wesen, nur durch manuelle Defizite am Aufbau einer eigenen, mächtigen Filmindustrie gehindert.

Was passiert? Sie als gemeiner Europäer setzen sich in den Jumbo-Jet nach Alaska. Ein reizendes Fleckchen Erde, im Sommer so mild und so wunderbar menschenleer. Und dann? „Guck mal, da läuft ja so ein Bären-Starlet!“ Tief drunten grummelt die Versuchung: Geh hin, drück dem Tier die Pranke, und sag’ Dank für das Dasein auf Mutter Erde. In die alten Trapper-Handbücher schauen Sie nicht, auch nicht in die Hinweisblättchen der Wildnisverwalter. Da stünde ja etwas von tödlichen Späßchen. Tödlich?

Das Bär an sich ist schwer erkennbar. Wir haben nur eine Gewißheit: Der Bär ist ein „säugender Sohlengänger mit im Pelz verdecktem Stummelschwanz“. So steht es im Lexikon. Doch nach dem Stummelschwanz-Konsens beginnt der Wirrwarr der Ratschläge. Denn in der Seele des Bären ist Wildnis, so wie er die Seele der Wildnis ist – in Alaska zumindest noch.

Sie können ihm dort begegnen, so von Sohlengänger zu Sohlengänger. Die Wahrscheinlichkeit spricht nicht dafür: In 99 von 100 Fällen bemerkt der Bär Sie und trollt sich, bevor Sie ihn sehen. Der Seelengänger der Wildnis ist zwar kurzsichtig, aber er hört die Engel singen und sein Geruchssinn ist Teufelswerk: Noch über Kilometer kann er lohnende Speiselokalitäten exakt peilen.

Er ist Individualist, ja Eremit – eine einsame Seele. Er will seine verdammte Ruhe haben. Schon seine Artgenossen kann er kaum leiden, den Rest der Fauna nimmt er allenfalls als Abendbrot hin: Nach dem Winterschlaf dürfen es auch mal 25 Kilogramm Fleisch auf einen Sitz sein. Meist aber begnügt er sich mit Wurzeln, Schachtelhalmen und Beeren.