Seit Ende Januar versuchen Astronomen auf der ganzen Welt, den jüngsten, schnellsten und seltsamsten Neutronenstern wiederzufinden, der jemals entdeckt wurde – bisher jedoch vergebens. Vielleicht gibt es ihn gar nicht?

Fast zwei Jahre lang hatte Carlton R. Pennypacker, Astronom von der Berkeley-Universität in Kalifornien, die Supernova beobachtet, die 1987 in ihrer anfänglichen Phase sogar mit bloßem Auge am südlichen Nachthimmel auszumachen war. "SN 1987 A", die erste Supernova des Jahres 1987, fand in 170 000 Lichtjahren Entfernung statt, näher der Erde als jemals ein Sternentod seit der Mensch das Fernrohr erfand. Pennypacker und seine Kollegen interessierte die Frage, was die Supernova wohl zurücklassen würde. Die gängige Theorie besagt, daß massereiche Sterne, deren inneres Feuer erlischt, von ihrer eigenen Schwerkraft derart zusammengedrückt werden, daß es zu einer gewaltigen Explosion kommt. Im Inneren der Explosionswolke bleibt ein Objekt mit extrem dichter Masse und wenigen Kilometern Durchmesser zurück; es besteht aus zusammengepreßten Neutronen. Das Magnetfeld eines solchen Neutronensterns ist sehr stark, und der schnell rotierende Stern kann wie ein Leuchtturm flackernde Licht- oder Radiosignale aussenden. Einen solchen "Pulsar" hatte die Wissenschaft als Nachlaß des in der Supernova explodierten Sterns "Sanduleak 69-202" erwartet, der zur Großen Magellanschen Wolke gehörte.

In der Nacht des 18. Januar dieses Jahres schien es dann so weit zu sein: das Vier-Meter-Teleskop in Cerro Tololo (Chile) registrierte ein flackerndes Licht. Als einige Tage später die Daten mit Hilfe eines Cray-II-Supercomputers analysiert waren, staunten die Astronomen nicht schlecht: der Pulsar flackerte 1968, 6mal in der Sekunde – mit fast zwei Kilohertz pulsierte das Signal mehr als doppelt so schnell wie das schnellste bisher bekannte Pulsarsignal. Dieser Neutronenstern müßte sich also in jeder Sekunde fast zweitausendmal um die eigene Achse drehen. Wenn das überhaupt möglich sein sollte, ohne daß er auseinanderfliegt, dann müßte er eher wie eine Scheibe aussehen, so lautet eine der Schlußfolgerungen aus den Meßergebnissen.

Die Messungen erregten weltweites Aufsehen. Bisher hatte die Wissenschaft angenommen, daß neugeborene Pulsare allenfalls zehnmal pro Sekunde rotierten. Das bizarre Objekt weist weitere Besonderheiten auf: es ist nicht übermäßig hell, was bei einer derart hohen Rotationsgeschwindigkeit vermuten läßt, daß sein Magnetfeld relativ schwach ist – tausendmal schwächer als dasjenige "normaler" Pulsare. Rätselhaft ist auch eine periodische Änderung (Modulation) seines Signals, die sinusförmig verläuft. Sie weist auf einen Doppler-Effekt hin, der dadurch entstehen könnte, daß sich der Pulsar auf einer Kreisbahn bewegt. Das ließe sich jedoch nur erklären, wenn er Teil eines Systems aus zwei Objekten wäre; sein unsichtbarer Kompagnon müßte, so errechneten die Astronomen, eine Masse etwa von der Größe des Planeten Jupiter haben und sich auf einer Bahn bewegen, die zum Zeitpunkt der Explosion in den Außenschichten von "Sanduleak 69-202" lag. So ein Objekt könnte das Aufflammen einer Supernova wohl kaum überstehen, meinen die Himmelsforscher und stellen Mutmaßungen über seine Entstehung an.

Die Entdecker des Flackersterns können ihn jedoch nicht wiederfinden. Auch ein gemeinsames Forscherteam der Europäischen Südsternwarte (ESO) und des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik suchte ihn in den vergangenen Wochen vergeblich. Hakki Ögelman, Astronom des Max-Planck-Instituts, kommentierte Ende März lakonisch: "Die optimistische Annahme lautet, der Pulsar habe sich in der Explosionswolke versteckt, die pessimistische lautet, daß am 18. Januar ein Meßfehler aufgetreten war."

Gero von Randow