Meine Trinkerkarriere begann im Halbdunkel einer wunderbaren Kneipe im Ruhrgebiet. Sie hieß „Fritz am Altmarkt“, und rechts am Glaskasten mit den Frikadellen, da lehnte ich immer. Links standen der graue Karl, der lange Fitti und Lothar. Lothar hatte einmal einen solchen Rausch, daß er eine Mitteilung, die ihm wichtig schien, nicht über die Lippen brachte. Er bewegte sie, öffnete den Mund und schloß ihn wieder, formte lautlos Silben oder vielleicht Wörter, und dabei schaute er mich traurig an.

Lothar ist, wie ich höre, später ein ganz normaler Biertrinker geworden. Ich hingegen habe mich ständig weitergebildet und -entwickelt. Im Gegensatz zu dem Halbdunkel, in dem der Anfang meiner Karriere keimte, befindet sich der augenblickliche Höhepunkt im strahlenden Glanz eines mit Hurra und Bravour absolvierten Seminars, dessen Besuch und Bestehen mir auf einer büttenen Urkunde feierlich bestätigt wurden. Es fehlt nicht der Hinweis, daß ich mir reiches Wissen auf dem Gebiete der Bierforschung angeeignet und dies vor einer gestrengen Kommission dargetan habe.

Seither weiß ich, daß ich als Vollmitglied der bundesdeutschen Bierstatistik im Jahr 148 Liter Bier zu trinken habe. Ohne Angeberei kann ich von mir behaupten, daß ich mehr als meine statistische Pflicht tue. Da meine Schwiegermutter, meine Frau und auch meine beiden Söhne auf diesem Gebiet etwas nachlässiger sind, übernehme ich deren statistisches Defizit klaglos auf mein Konto. Ganz seltene Versäumnisse während der Woche hole ich samstags-sonntags strikt nach. Ich habe erkannt, daß ich es meiner Gesundheit schuldig bin, mir die im Bier befindlichen lebensnotwendigen Enzyme zuzuführen. Weil ich gelernt habe, daß sich in jedem Liter Bier mindestens 0,20 Milligramm Riboflavin, 0,3 Milligramm Pyridoxin-Komplex und 6,5 Milligramm Niacin Nikotinsäure tummeln, habe ich mir eine persönliche Prophylaxe ausgedacht. Mit der Pantothensäure (mindestens 0,5 Milligramm in jedem Liter Bier) habe ich bereits bis ins Jahr 2004 vorgesorgt, mit Phosphor, Asche, Mineralstoffen und 21 verschiedenen Aminosäuren aus der Eiweißgruppe sogar bis ins Jahr 2008. Als mein Hausarzt unlängst ein Blutbild von mir anfertigen ließ, explodierte sein Labor.

Bier, so sage ich meiner uneinsichtigen Badezimmerwaage, Bier hat wenig Kalorien, ich habe es selbst beim Bierseminar gelernt. Es ist nämlich so, ich zitiere aus meinem Studienmaterial die Broschüre „Vom Halm zum Glas“: „Was die heute so viel diskutierten Kalorien anbelangt, so erweist sich das Bier, ganz im Gegensatz zu dem Eindruck, den der Begriff, flüssiges Brot‘ üblicherweise vermittelt, als ein ausgesprochen kalorienarmes Getränk. Lediglich Getränke wie Mineralwasser, Kaffee und Tee (ohne Zucker und Sahne) sowie Mager- und Buttermilch enthalten weniger Kalorien als das Bier. Mit seinen 45 Kalorien pro 110 Milliliter hat das Bier also weniger Kalorien als zum Beispiel Milch, Wein, viele Obstsäfte und manche andere Getränke. Hinzu kommt, daß mehr als die Hälfte dieser Kalorien auf den Alkohol entfallen, der vor allen anderen Nährstoffen wie Kohlenhydrate, Fett, Protein unter Freisetzung seiner gesamten Energie zu Kohlendioxyd und Wasser verbrannt (veratmet) wird.“

Ende des Zitats aus meinem Studienschrifttum.

Es folgt eine Tabelle, auf der sehr schön verdeutlicht ist, daß Bier, statistisch betrachtet, ein Magermacher sein muß: Danach hat Lagerbier nur 45 Kalorien (pro hundert Milliliter), Pilsener soeben 46, Export lediglich 50, Bock gerade noch 62. Dagegen mästen einen in hundert Millilitern Vollmilch 68 Kalorien, und selbst in einem unscheinbaren Apfelsaft wimmeln 47 von diesen Biestern. Im Grunde ist mir die Sache aber nicht neu. Als ich vor ungefähr vierzig Jahren an einem Kindergeburtstag vier dreiviertel Liter Apfelsaft trank (etwa zweitausendeinundvierzig Kalorien oder achttausendfünfhundertachtundsechzig Joule), war mir tagelang schlecht. Mit Bier ist mir das nie passiert.

Aus Horst Vetten, „Mann-o-Mann, Nachrichten aus der Männerwelt‘, Verlag Rasch und Röhnng, Hamburg