Von Wolfgang Hegewald

Garbsen, „eine Stadt mit vielen Gesichtern“ (Informationsbroschüre), grenzt westlich an Hannover. Hermann Kant, Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes, läßt sich zu einer Lesung bitten. Die Zeit: ein regnerischer Abend im März. Der Ort: die Bibliothek der Gesamtschule. Beinah alle Stühle sind von Schau- und Hörlustigen belegt. An der Decke des Raumes – ein Indiz, daß Gemütlichkeit erwartet wird – sind Luftballontrauben angebracht. Der Bibliothekar entschuldigt sich beim verehrten Herrn Kant, daß die Veranstaltung nicht in der Aula stattfinde. Dann schaltet er das Deckenlicht aus.

Herr Kant sagt, er möchte sich an die Absprache halten und zuerst etwas lesen, obwohl er genau wisse, daß manche Menschen vor allem das Gespräch mit ihm suchten. Die Prosaprobe handelt von einem Ost-Berliner Ministerialgenossen, der in Budapest am Rande diplomatischer Verpflichtungen und trotz eingestandener Forintknappheit lila Haarspangen für seine Enkelin zu erwerben trachtet und sich dabei erinnert, wie er einst, da sein Staat ihn noch mit einem Missionsbefehl in die Welt schickte, einem dicken Vertreter der Hallstein-Doktrin, dem die Hose zerrissen war, aus der Verlegenheit geholfen hatte. Parlando; neckische Tiraden.

Es wird wieder hell in der Bibliothek. Nun bestimmen Sie, worüber gesprochen wird, sagt Herr Kant. Eine Dame erkundigt sich, wie der Vorsitzende Kant all die boshaften Anfragen und die hinterhältigen Verdächtigungen, die üblichen Zumutungen bundesdeutscher Ahnungslosigkeit an solchen Abenden ertrage. Ach wissen Sie, sagt Kant, bange machen gilt nicht, und für unsere Sache zu streiten, ist mir eine liebe Gewohnheit. Anstrengend aber, so Kant weiter, wird es, wenn ein notorischer Bescheidwisser seine Stimme erhebt. Erlauben Sie mir ein Bild, so Kant, ein sozialistischer Staat wie die DDR gleicht in seiner komplizierten Vielfalt einem Kosmos, und dann kommt einer allein kraft seines gesunden Menschenverstandes daher und will mir, dem Astronomen gleichsam, etwas von der wirklichen Konstellation der Planeten erzählen.

Ich bin sicher, sagt Kant nach einer Weile, Sie alle haben schon von den Scheußlichkeiten gehört, die über mich im Schwange sind: der Oberzensor; der knuteschwingende Einpeitscher; der Verbandsunhold. Jetzt haben Sie Gelegenheit, sich selbst vom Wahrheitswert dieser plumpen Klischees zu überzeugen.

Eine Zeitlang schweigt das Publikum beschämt. Dann fragt ein sehr junger Mann, wieso ein Schriftsteller in der DDR wegen seiner Texte Schwierigkeiten mit der Regierung bekommen könne. Sehen Sie, sagt Kant, Ihre Beobachtung beweist doch nichts anderes, als daß man bei uns die Literatur ernst nimmt, gelegentlich gewiß überschätzt, aber nie ignoriert. Niemandem, und schon gar nicht der Regierung, ist bei uns die Literatur gleichgültig; und ein Schriftsteller, der Schwierigkeiten scheut, hat seinen Beruf verfehlt. (Zustimmendes Gemurmel; Beifall)

Jetzt will einer wissen, wie es die DDR mit Rushdies „Satanischen Versen“ zu halten gedenke. Er sei überzeugt, das Buch werde schon geprüft und, bei positivem Ausgang, im zustandigen Verlag, Volk und Welt, erscheinen. Im übrigen, so Kant weiter, und beiseite gesprochen belustige ihn die Tapferkeit der westlichen Verleger gelinde: fünfzig an der Zahl brächten zusammen gerade mal den Mut auf, das Buch des inkriminierten Autors zu drucken.