Von Fritz Vorholz

Es ist ein idyllischer Flecken Erde. Kein Straßenlärm stört die Ruhe der Bergwelt, keine Fabrik die Schönheit der Natur. Das Zentralmassiv der schneebedeckten Gipfel des Himalaja-Gebirges liegt in Sichtweite. Nur vereinzelt stehen im Talkessel und an den steilen Hängen abseits der schmalen Bergstraßen kleine Gehöfte. In ihrer Nachbarschaft sind die Berge in kleine Parzellen terrassiert, die mit Büffel und Holzpflug beackert werden. Kartoffeln, Weizen, Apfel- und Aprikosenbäume werden hier angepflanzt. Am Himmel kreisen Adler und Geier. Und im Bergwald kann man außer Gemsen und Hirschen auch manchmal Leoparden und Schwarzbären sehen.

Neben den chaotischen, schmutzigen und lauten Städten Indiens gehört auch dieses Paradies am Nordrand des bevölkerungsreichsten Bundesstaates Uttar Pradesh zu dem Subkontinent, auf dem bald jeder siebte Erdbewohner lebt. Hier gibt es keine Bettler, wie in den berstenden Millionenstädten Bombay, Kalkutta oder Delhi, jeder hat ein Dach über dem Kopf, niemand hungert. Sollte die Welt hier, in Kumaon und Garwhal, tatsächlich noch in Ordnung sein?

Mahendera Verma, Mitte dreißig, ist Gram Pradhan, eine Art Dorfältester oder Bürgermeister mehrerer kleiner Siedlungen. Wie seine Nachbarn in Naukuchiyatal ist auch er Bauer. Im Gegensatz zu ihnen stammt er aber aus wohlhabendem Hause – sein Vater ist im Likörgeschäft tätig – Verma kann schreiben und lesen und denkt oft über Bevölkerungswachstum und heilige Kühe, Industrialisierung und die Entwicklung der Landwirtschaft nach. Die Religion, den Hinduismus, hält er vor allem für scheinheilig und für fortschrittsfeindlich. Er weiß auch um den rasanten Aufstieg seines Landes zu einer der größten Industrienationen der Erde. Doch das Wirtschaftswachstum, er redet verächtlich vom „sogenannten“ Wachstum, vergleicht er mit einer Reise im Dritte-Klasse-Waggon der indischen Eisenbahn: Jeder drängt ins bereits überfüllte Abteil, und wenn es schließlich doch einer geschafft hat, tut er sein Bestes, um die andern zurückzustoßen. 95 Prozent der Bevölkerung, so meint Verma, bleibt der Eintritt in die Welt eines bescheidenen Wohlstandes verwehrt.

Zu ihnen gehören auch die Bauern von Kumaon und Garwhal. Und aus Verzweiflung tun sie etwas, was gebildete Leute in der 350 Kilometer entfernten Hauptstadt Delhi inzwischen als die größte Herausforderung Indiens betrachten: Sie ruinieren die Umwelt, zerstören die Wälder, bewirken das Abschwemmen der dünnen, fruchtbaren Bodenschicht, das Absenken des Grundwasserspiegels und beschwören Flutkatastrophen herauf, die sich während der sommerlichen Monsunzeit im Mündungsdelta des Ganges verheerend auswirken.

Längst haben studierte Menschen in Delhi Alarm geschlagen. Monkumba Swaminathan – er war Generaldirektor des indischen Rates für Landwirtschaftsforschung und gilt als Architekt der sogenannten Grünen Revolution – sieht in der fortschreitenden Umweltzerstörung das wichtigste Problem des Landes. Weil vor mehr als zwanzig Jahren die Modernisierung der Landwirtschaft startete, weil damit angefangen wurde, die Felder zu bewässern, Hochertragssorten anzupflanzen und Kunstdünger zu verwenden, sind die Hektarerträge der indischen Bauern teilweise mehr als doppelt so schnell gewachsen wie die Bevölkerung. Doch durch die fortschreitende Vernichtung der Wälder sieht Swaminathan nun die Früchte seiner Grünen Revolution in Gefahr. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche, berichtete kürzlich die Times of India sind durch Wasser- und Winderosion ernsthaft gefährdet.

Die Bevölkerung wächst derweil nach wie vor rasant mit einem Tempo von jährlich zwei Prozent. In gut zehn Jahren werden in Indien eine Milliarde Menschen leben, die etwas zu essen haben wollen. Doch gleichzeitig droht die landwirtschaftliche Produktivität zu sinken, weil die Umwelt zerstört wird: „Wir sind dabei, die Ernährungssicherheit des 21. Jahrhunderts zu unterminieren“, warnt Swaminathan, der heute Präsident der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) ist.