ZDF, sonntags: "Hotels"

Das kann die Kamera: Boulevards der Welt, Untergrundbahnen der Welt, Schlösser der Welt – alle Bau-, Natur- und sonstigen Wunder in unsere Stube spülen, als wären sie für uns allein geschehen. Die Kamera auf der Pirsch, als Pionier, als Auge des kühnen Entdeckers und geduldigen Beobachters bringt uns das Ferne, Wilde und Sagenumwobene nah und ist in dieser Funktion durch nichts zu ersetzen. Noch die farbigste Schilderung versagt vor dem Glanz des bewegten Abbilds.

Der Broadway in Manhattan, die Moskauer Metro, die Schloßburg von Blois – wer die Beute eines Filmers hat schmecken dürfen, kennt diese Orte. Nicht "wirklich" natürlich, aber dafür oft sehr genau, denn die Filmreportage liefert Hintergrund mit. Verwirrt steht der Tourist am Eingang der Moskauer U-Bahn und arbeitet vergebens an der fremden Schrift. Der Film ist netter zu ihm. Er spricht seine Sprache und reicht ihm in überlegten Dosen alles Wissenswerte zu. Und wenn er gut ist, reizt er zur Reise.

Die endet allabendlich in einer Herberge. Das Etappenziel der beweglichen Leute, der Urlauber, Berufsreisenden und Grenzgänger, der Stars und Staatsmänner, Händler und Dealer, der Adels- und der Unterwelt, die Hotels sind Gegenstand einer neuen Reihe im ZDF. Zwölf Folgen sollen mit berühmten Luxusherbergen bekanntmachen, Institutionen, deren Namen man mit Ehrfurcht nennt, würdige, traditionsbewußte Häuser voller Prunk und Patina. Die erste Staffel, vier Folgen über Nobelabsteigen in Monte Carlo, Palermo, London, Jerusalem und Kairo, war sonntags zu sehen. Fortsetzung folgt im Herbst.

Außer dem ZDF sind an der Produktion ORF, SRG und La Sept beteiligt. Solcherlei europäische Verbundprojekte stehen uns in Zukunft wohl häufiger ins Haus. Ob es wirklich an den vielen Köchen gelegen hat, die da über den Brei entschieden haben, oder an anderen Widrigkeiten – die "Hotels" wollten nicht recht auf Reisen gehen, sie verschwanden, Film für Film, hinter Schleiern aus Rahmengeschichten, Spielszenen, roten Fäden, Gerede, Gewitzel und gar Berichten über Schwierigkeiten beim Drehen. Dabei hätte es gereicht, der natürlichen Neugier der Kamera auf Balkone, Betten, Tanzsäle und Hinterhöfe zu vertrauen und das geschichtliche Material aus den Archiven hinzuzufügen. Aber es mußte mehr sein und wurde weniger.

Im "Hotel de Paris" zu Monte Carlo bestellt der rote Faden in Gestalt eines fiktiven Erforschers der Örtlichkeit Hamburger im Restaurant, im "Savoy" zu London folgen wir einem fünfjährigen Knirps durch die Gemächer, im "Hotel des Palmes" zu Palermo müssen wir uns Erbaulichkeiten wie ein Katzenbegräbnis und gestellte Mafiosi-Szenerien gefallen lassen. Man bedenke: Im monegassischen Prunkhotel haben Gäste wie Colette, Hemingway, Chaplin, Sarah Bernhardt, Strawinsky, Diaghilew ... gewohnt. Wir erfahren nur die Namen. Was für Geschichten wären da zu erzählen gewesen!

Doch man muß gerecht sein: Der Beitrag übers "Savoy" von Gabriele Walther und Arnold Schwartzman erzählte ihrer viele und bot trotz des bemühten Rahmens eine effektsichere, interessante Studie. Hier war die Kamera auf der Pirsch, und der Text brachte uns die Sagen, die ein "erstes Haus" umweben, mit. Wußten Sie’s? "Savoy"-Hoteldetektiv Bubbles war der Erfinder der unsichtbaren Tinte.

Barbara Sichtermann