Von Hans Harald Bräutigam

Die Reproduktionsmediziner werden wieder einmal in Versuchung geführt: Ihrem englischen Kollegen Andrew Handyside ist es nämlich gelungen, eine Zelle aus einem kurz zuvor extrakorporal gezeugten Embryo zu entfernen. Seine wissenschaftliche und technische Leistung besteht aber nicht nur darin, daß der Embryo – zum Zeitpunkt der Zellentnahme bestand er nur aus 8 oder 16 Zellen – überlebte. Andrew Handyside und seine Mitarbeiter, die 30 menschliche Embryonen zu Versuchszwecken erhielten, haben sie nach dem Experiment in einer Nährlösung weiterwachsen lassen. Die manipulierten Embryonen sind nicht in die Gebärmutter eingepflanzt worden.

Die britischen Forscher suchten in der entfernten Embryozelle nach dem Geschlechtschromosom. Mit viel Geschick haben sie es gefunden. Dabei verwandten sie ein Verfahren, das zur Genvermehrung in den Vereinigten Staaten entwickelt wurde. Die ZEIT (Nr. 6/89) hat über diese „geniale Genamplifikation“ berichtet. Mit Hilfe der „Polymerase chain reaction“ können Genetiker bestimmte Abschnitte der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure herausschneiden und kopieren. Andrew Handyside ist es gelungen, Teile des Y-Chromosoms zu identifizieren. Die Embryozelle war also männlich.

Ärztlich hat das große Bedeutung. Einige Erbkrankheiten wie fortschreitender Muskelschwund (Duchenne-Muskeldystrophie) werden nur an Jungen vererbt. Männliche Embryonen von erblich belasteten Eltern werden dann von den Reproduktionsmedizinern nicht in die Gebärmutter transferiert.

Eine „Checkliste“ für Embryonen also. Langersehnt von manchen Reproduktionsbiologen, die nie die Voraussage machen konnten, ob denn das im Labor erzeugte „Reagenzglasbaby“ frei von erblichen Erkrankungen war. Manche wollten auch nur das Geschlecht wissen.

*

Genetische Untersuchungen, nicht am Embryo, sondern am ungeborenen Kind werden schon lange durchgeführt. In der 16. Schwangerschaftswoche wird das Fruchtwasser punktiert (Amniozentese). Im Fruchtwasser können dann einige Erbleiden erkannt werden. Das Risiko der Amniozentese ist nicht groß. Aber immerhin geht durch den Eingriff etwa ein Prozent aller Schwangerschaften zugrunde. An einer Trisomie 21 – auch bekannt unter den Begriffen „Mongolismus“ oder „Down Syndrom“ – leiden etwa ein bis zwei Prozent der ungeborenen Kinder von Frauen, die über 36 Jahre alt sind. Das Risiko des Eingriffes muß gegen das Risiko der kindlichen Erkrankung abgewogen werden. Bei jüngeren Müttern ist daher eine Amniozentese nicht angezeigt. Dennoch wollen bisweilen auch jüngere Frauen, daß dieser Eingriff bei ihnen durchgeführt wird. Sie möchten „auf Nummer sicher“ gehen. Wird der Arzt diesem Wunsch immer folgen dürfen?