Paul Giger: „Chartres“

Wenn der Raum, die Energiedichte des langen Nachhalls jenes reinsten gotischen Wunderwerkes, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts vollendeten Kathedrale nicht entscheidend mitspielte, bliebe vieles nur als musikalisches Surrogat im Gedächtnis. Erst durch die an vier verschiedenen Positionen (Krypta, Labyrinth, Vierung und Altarraum) ausgemachten Nachhallkurven findet jene „wie in konzentrischen Kreisen nach innen verlaufende Musik“ des schweizerischen Allround-Geigers Paul Giger zu sich selbst: fünf improvisierte oder auskomponierte Stücke, die sich stilistisch gegen jede Eingrenzung sperren. Adaptionen indischer Ragas, Pentatonik und strenge (dorische) Kirchentonart mischen sich darin ebenso freizügig wie temperamentvolle orientalische Folkloristik oder gar ins Elektronische reichende Ausdrucksversuche. Gerade das letzte Beispiel Holy Center, für das Karlheinz Stockhausens „Stimmung“ ein guter Ratgeber gewesen sein könnte, legt solche Vermutung nahe. Ein Teufelsgeiger ist Paul Giger mit seinem Fundus an Magie und Mystik allemal: rasante Glissandi, feurige Arpeggien (wie in Bachs d-moll-Chanconne), fahle Obertonklänge und sul ponticello-Effekte, langgezogene Einzeltöne, Vokal- und Schlaggeräusch-Beimischungen – das und vieles mehr noch hat er technisch makellos parat. Zuweilen entsteht in der Überakustik des Sakralraumes sogar das Unmögliche: daß Paul Giger Solist und sich selbst begleitendes Orchester in voller Besetzung ist (ECM 837 752).

Peter Fuhrmann