Tausendundeine Nacht, tausendundeine Geschichte. Es war einmal, in jener Zeit, als der weise Kalif François Mitterrand über Frankreich herrschte und sich bitter sorgte ums Wohl seiner Untertanen. Weil die Staatsgeschäfte seine Tage und Nächte verschlangen, fand der Kalif niemals die Zeit, sich wie einst sein Vorgänger Harun al Rashid gelegentlich unters einfache Volk zu mischen. Des Kalifen treuer Diener aber, der schlaue Mehdi Charef, verbrachte seine Tage auf den Basaren von Paris und seine Nächte in den Vorstädten. Und weil nicht einmal der Prophet etwas gegen den technischen Fortschritt hatte, schrieb Charef seine Erlebnisse nicht in ein großes Buch, sondern zeigte sie auf der Leinwand.

Vor der multikulturellen Gesellschaft kommt der multikulturelle Film. Mehdi Charef ist Araber von Geburt und Franzose seit seiner Kindheit. Er hat seine Jugend in den Elendsvierteln von Paris verbracht, er machte eine kleine Karriere unter kleinen Ganoven, er landete schließlich im Gefängnis. Seit ein paar Jahren macht er Filme, nicht nur aus Gründen der Resozialisierung. In seinem Erstlingswerk „Tee im Harem des Archimedes“ erzählte Charef eine Geschichte aus der eigenen Erinnerung: von kleinen Gaunern, Franzosen und Arabern, und von ihren kleinen Abenteuern. In seinem neuen Film erzählt Charef eine Geschichte aus seiner eigenen Perspektive. Sie handelt von Franzosen, aber sie funktioniert wie ein orientalisches Märchen. Scheherezade hat sich in die Banlieue verirrt. Und der Kinositz wird zum westöstlichen Diwan.

Martin (Rémi Martin) ist Bäcker von Beruf und ein armer Junge. Spätabends geht er sein Brot backen, frühmorgens kommt er heim. Seine Nächte sind voller Arbeit, seine Tage sind leer. Martin stottert, aber es scheint ihn nicht zu stören. Martin wird von seiner Mutter unterdrückt und gepiesackt. Aber er beklagt sich nicht. Martin hat keine Freunde, keine Ambitionen, keine Zukunft. Nur ein Hobby leistet er sich: In seiner Freizeit bastelt er an alten Autos herum. Martin ist Franzose, aber er handelt fatalistisch wie ein Orientale: Inschallah!

Eines Tages tritt eine Prinzessin in sein Leben. Sie heißt Camille (Philippine Leroy-Beaulieu) und ist sehr schön. Wie sich das Mädchen aus der Oberschicht in die schäbigste Vorstadt verlaufen konnte, bleibt unklar – aber Märchen können auf solche Klarheiten verzichten. Camille ist einfach da, sie schwebt wie ein Engel durch die Vorstadtstraßen, aber sie hat den Teufel im Leib. Camille ist heroinsüchtig, sie hat kein Geld mehr und keine Freunde. Sie legt sich in ein Auto, um zu sterben. Aber Martin rettet sie. Später wird sie ihn besuchen: „Du bist mir noch was schuldig: den Tod!“ Es ist der Beginn einer großen Liebe.

Nun könnte ein Abenteuer anfangen, aber bei Charefbeginnt nur eine Meditation. Martin kann nicht gut sprechen, also schweigt er. Camille will über nichts reden, also schweigt auch sie. Manchmal miaut die Katze, aber es ist schwer, sie zu verstehen. Selbst die Gegenstände bleiben stumm: Martins Wohnung ist voll von Sammlerstücken. Kotflügel liegen herum und Kühlerfiguren, und selbst die Badewanne war früher mal ein Kofferraum. An den Fassaden der Häuser bröckelt der Putz, auf die Mauern sind kryptische Botschaften gemalt, und wenn es hier regnet, dann spiegelt sich in den Pfützen die Welt. Charef schenkt den Schauplätzen viel Zeit und Aufmerksamkeit, er arrangiert und inszeniert sein Dekor mit Sorgfalt und Liebe. Die Dinge haben ihre Geschichten – aber sie offenbaren sie nicht. Denn unter Charefs Blicken verwandelt sich jedes Bild in ein Ornament. Das Schicksal webt hübsche Muster, und die Gesichter sehen wie Schnörkel aus.

Martin hat aus Schrott und Altmetall ein Auto gebaut, einen schönen, pinkfarbenen Panhard, Baujahr 1958. Das Auto ist fast fertig, aber es ist von Wänden umschlossen, es paßt durch keine Tür, es wird niemals fahren. Ähnlich verhält es sich mit dem Film: Nichts bewegt sich. Wovon sollten wir uns bewegen lassen?

Einmal bricht Martin das Schweigen. Er nimmt ein: Puppe in die Hand und beweist dann, daß er ein begabter Bauchredner ist. Die beiden, Martin und sein Bauch unterhalten sich über Liebesdinge und erzählen dabei ganz beiläufig auch einiges über Mehdi Charef. Denn auch der Film spricht am liebsten mit sich selbst: Wenn die „Versteckte Leidenschaft“ uns nicht ansteckt, dann ist das unser Problem. Charef mag seine Story, und er liebt seine beiden traurigen Helden. Die französischen Kritiker lobten die Poesie der Inszenierung und die Zärtlichkeit der Kameraführung. Wenn aber schon die Kamera zärtlich ist (statt grausam und direkt) – was bleibt uns Zuschauern dann noch zu tun und zu fühlen?