Sechs Jahre lang haben die Türken die harten Wirtschaftsreformen von Turgut Özal, ihrem Ministerpräsidenten, ertragen. Den besseren Zeiten, die er ihnen als Lohn für ihr Darben versprach, wollten sie nicht im Wege stehen. Doch seit der Gürtel, den sie ständig enger schnallten, fast keine Löcher mehr hat, ist auch ihre Geduld erschöpft.

Bei den Kommunalwahlen, die am Sonntag stattfanden, verpaßten sie Özals konservativer „Mutterlandspartei“ eine Niederlage, die selbst Pessimisten nicht für möglich gehalten hatten. Nicht einmal der populäre und wegen seiner seltenen Tatkraft allgemein geschätzte Oberbürgermeister von Istanbul konnte sich vor der Entschlossenheit der Wähler retten. Seine Abwahl war das deutlichste Zeichen dafür, daß der Spaß für die Türken aufgehört hat.

Der Abwärtstrend von Özals Partei hielt schon seit geraumer Zeit an. Aber nach den 36,3 Prozent, die die „Mutterlandspartei“ bei den letzten Parlamentswahlen im November 1987 erreichte, kam sie am Sonntag nur noch auf 22 Prozent. In allen Großstädten – außer in Istanbul auch in Ankara, Izmir und Adana – verlor sie die Oberbürgermeisterposten an die Kandidaten der oppositionellen „Sozialistischen Volkspartei Mit 28 Prozent der Wählerstimmen belegte sie Platz eins. Auch Süleyman Demirel, einer der notorischen Altmeister der türkischen Politik, war wieder im Rennen und erreichte mit seiner erzkonservativen „Partei des rechten Weges“ 25,5 Prozent und den zweiten Platz. Mit von der Partie waren auch erneut Necmettin Erbakan, der Chef der fundamentalistischen „Wohlfahrtspartei“ (9,7 Prozent), und Alparslan Türkes mit seiner rechtsradikalen „nationalistischen Volkspartei“ (3,6 Prozent).

Alles wie gehabt: Sogar Bülent Ecevit, der Gedichte schreibende ehemalige sozialdemokratische Ministerpräsident, der der Politik schon entsagt zu haben schien, ist wieder auf dem Plan. Seine neugegründete „Demokratische Linkspartei“ erhielt achtbare 8,9 Prozent. Die Namen dieser türkischen Politiker erinnern an das Elend der Türkei in den siebziger Jahren. Keiner von ihnen war damals in der Lage, dem Land den „rechten Weg“ zu weisen. Wissen sie es heute besser?

„Die Wähler wollten uns einen Klaps geben“, fand Özal hinterher, „aber aus Versehen ist etwas Schlimmeres daraus geworden.“ Mit den Wahlergebnissen vom Sonntag beginnt die Türkei wieder jener Parteienlandschaft zu ähneln, die aus den Jahren vor dem Militärputsch 1980 noch in übler Erinnerung ist. Die Türken nahmen das Risiko in Kauf – so wie sich zuvor Özal nicht darum scherte, daß seine Landsleute mit einer Inflationsrate von 80 Prozent leben mußten und mit Preisaufschlägen, denen er zustimmte, nachdem er einen Tag vorher die Parlamentswahlen mit Ach und Krach für sich entschieden hatte.

Der Ingrimm der Türken ist also nur allzu verständlich. Nach sechs harten Jahren steht ihnen der Sinn nach einem kurzen Prozeß: Özal soll abtreten. Doch da wird ihr ewiges Dilemma schon wieder sichtbar: Haben sie denn einen besseren Mann? N. G.