Die wird noch blühn, wenn wir schon nimmer sind.“ Eine halbe Stunde Fußweg von Fürstenfeldbruck/Obb. steht in dem Dörfchen Puch auf 600 Metern Höhe gleich neben der Kirche eine Linde und stand sie schon vor mehr als tausend Jahren. Sie ist geborsten, der Baumchrurg mußte kommen, aber aus einem Teil des zerklüfteten, borkigen Stammes sprießt glatt und stark ein neuer Ableger. Eine kleine Emaille-Tafel weist darauf hin, daß in dieser hohlen Linde die Se. Edigna 35 Jahre lang als Einsiedlerin lebte und Gutes tat bis zu ihrem seligen Ende am 26. Februar 1109.

Sie war wohl neunzehn Jahre alt, als sie vom Hofe ihres Vaters, des Königs Heinrich I. von Frankreich, floh, der sie gegen ihren Willen verheiraten wollte. Auf einem Ochsenkarren war sie monatelang unterwegs, ernährte sich von den Gaben der Natur und lebte in frommem Gottvertrauen. In Bruder Philipp, einem alten, weisen Mann, fand sie einen treuen Begleiter. Als sie in dem Ort Puch, der damals noch Poah hieß und eine ehemalige Keltensiedlung war, ankamen, krähte der Hahn, und das Glöckchen läutete ohne Zutun von Menschenhand. Da wußte Edigna, daß dies der Ort war, an dem sie bleiben sollte.

Sie rettete einem erblindenden Edelknaben das Augenlicht, braute einen stärkenden Trank für die Frau, die schwer im Kindbett lag, wußte, wie man die Viehseuche bekämpft, führte Liebende zusammen, erzählte den armen Kindern Geschichten, sang und betete mit ihnen, überzeugte auch die mißtrauischen Adeligen, die in ihr zunächst eine Aufrührerin sahen, mit der Güte und Selbstlosigkeit ihres Wirkens und Glaubens, der wahre Wunder vollbrachte. „Selige Edigna, hilf“, wird noch immer bei Verlust und Krankheit gefleht.

Bis zum heutigen Tage wird die Selige Edigna in ganz Bayern, aber ganz besonders in Puch, „ihrem Dorf“, verehrt. „Sie soll uns allen Vorbild sein, ein Beispiel des praktizierten Glaubens, das helfen kann, Schwierigkeiten und Probleme besser zu bewältigen“, sagt Edigna Kellermann, Erste Vorsitzende des Edigna-Vereins Puch e.V.

Das schönste Beispiel für die praktizierte Verehrung der Seligen sind die Edigna-Festspiele, die seit 1959 alle zehn Jahre im Februar im Pucher Gemeinschaftshaus aufgeführt werden. „Öfter wollen wir gar nicht spielen, wir wollen die Spiele ja nicht kommerzialisieren.“ Inzwischen aber ist ihr Ruf bis weit über Puch hinaus gedrungen. Die geplanten zwölf Vorstellungen waren schon vor der Premiere ausverkauft und heuer mußten nochmal fünf drangehängt werden. Und wenn eine Frau aus Aich anruft und sagt, sie heiße doch auch Edigna, dann wird eben noch ein Stuhl dazu gestellt. 230 Leute passen ins Gemeinschaftshaus. Im Eintrittspreis von acht Mark sind das Textheft und die schöne Festschrift enthalten. Nein, verdienen tun sie nichts dran, die Pucher. „Wir tun das alles nicht für Geld, wir haben Freude dran.“

Fünfzig Darsteller fangen im November in ihrer Freizeit mit den Proben an, dreimal in der Woche. In diesem Jahr hat Hardy Baumann Regie geführt, dem es darauf ankam, die Sei. Edigna nicht nur immer in der hohlen Linde sitzen zu lassen, sondern der sie etwas volksnaher, so, wie sie eben war, inszenierte. „Wir suchen die Spieler nach dem Typ aus. Schließlich haben wir ja zehn Jahre lang Zeit zu beobachten. Bei uns bleibt nichts verborgen. Aber aus Puch müssen sie schon sein.“ Und es ist auch nicht so schlimm, wenn einer mal die richtige Betonung nicht so hinkriegt, wenn „er es immer so gesagt hat“. Die Männer lassen sich Bärte wachsen, weil das Kleben halt so lästig ist. Jeder im Dorf hilft mit. Einer hat Beziehungen zu den Bühnenwerkstätten in München; die Kostüme wurden, ohne Schnitt, nach den wenigen Bildvorlagen aus jener Zeit von der alten Dorfschneiderin hergestellt; die Viktoria, Frau vom „Bruder Philipp“, hat die Girlanden für Kirche und Gemeinschaftshaus gewunden und auch einen Blumenstock für die Kirche spendiert. „Den gieß’ ich immer mit Weihwasser“, sagt Bruder Philipp, „da gedeiht er besser.“ Zu Haus, beim Käsekuchen, erzählt Edigna Kellermann, die selbst einmal die Edigna gespielt hat und deren kleine Tochter Edigna heute eines der „armen Kinder“ ist, weiter: „550 Einwohner hat unser Dorf, zwölf davon heißen Edigna. Die älteste ist 86.“

„Vorsicht mit dem Todespuder von der Digna!“ Großer Andrang beim Schminken. Die „armen Kinder“ wollen viel Ruß ins Gesicht. Der Kräuterlenz, im Spiel der Widersacher der Sei. Edigna, die ihm alle Kranken wegschnappt, ist im Leben der Vater der jungen Petra Pals, der diesjährigen Seligen. Er bürstet sich seinen Bart schon zum fünften Mal. „Von welcher Zeitung kommen’s denn?“ fragt er. „Ja, und was wollen’s dann hier bei uns in Puch?“ Ob man das die Edigna auch gefragt hat, damals?