Helene Ahrweiler

Von Joachim Fritz-Vannahme

Madame, wie kommt es eigentlich, daß ausgerechnet Sie ... Gestehen Sie ruhig, es trieb Sie der Wunsch nach etwas ganz anderem: Das zweite Leben der Helene Ahrweiler, beginnt das nicht jetzt, dort drüben am anderen Ende des Platzes, im großen Schiff des Centre Pompidou mit seiner berühmten Glasröhrengangway? Helles Lachen ist jetzt die Antwort, die Augen blitzen: „Nein, das wird kein zweites Leben. Sagen wir, meinetwegen, eine zweite Jugend.“

Ihre erste verlebte sie dann wohl an der Sorbonne: „Als ich 1967 dort in die engere Wahl für eine Geschichtsprofessur gezogen wurde und meine 127 Antrittsvisiten bei den Berufungsprofessoren machte, riet mir ein wohlwollender Kollege: „Wenn Sie beim Doyen antreten, sagen Sie bloß gleich, daß Sie Griechin sind. Das ist etwas ganz Besonderes. Auf keinen Fall darf er Sie Ihres Akzentes wegen für eine ... halten!“ Die drei Pünktchen setzt die neue Präsidentin des Pariser Centre Pompidou diskret selbst, schließlich fühlt sie sich als Europäerin, warum da irgend einem Verwandten weh tun.

„Ich bin ein Kind des Meeres, des Mittelmeeres. Mein Vater war Seemann; als ich meinen elsässischen Mann kennenlernte, war er Marineoffizier. Als ich ein Kind war, schlief in der warmen Jahreszeit die ganze Familie unter freiem Himmel. Meine erste Karte war die der Sterne, das blieb so, dieser Aufbruch zu anderen Welten. Wir Griechen sagen, der Teufel ist neugierig auf Seelen. So gesehen bin ich ein bißchen teuflisch“, erzählt die zierliche Frau von 63 Jahren. Dabei blitzt sie uns mit diesen hinreißend graublauen Augen neugierig an, und schon glauben wir ihr, ein bißchen.

Für Paris ist ihr Äußeres von auffälliger Unauffälligkeit; doch wenn sie erzählt, begegnen wir in Nebensätzen Aristoteles oder Aragon im Zitat und illustren Gestalten der Gegenwart, der teuren Simone (Veil) oder der lieben Françoise (Giroud), diesem französischen Minister oder jenem europäischen Regierungschef. Griechenland gehörte ihre Jugend, Byzanz und seine Geschichte wurden ihr Beruf, die Sorbonne war später dann zweite Heimat. „Paris besitzt mit dem Quartier Latin das Viertel mit der höchsten Dichte an Intelligenz auf der ganzen Welt“, schwärmt sie.

Das Intellektuellendorf auf dem linken Seine-Ufer, dem Ufer des Geistes, hat sie vor wenigen Tagen erst verlassen, als sie zur Präsidentin der Kulturmaschine auf dem rechten Ufer des Geldes und der Macht berufen wurde. Wieder ist sie die erste Frau, wie schon Mitte der 70er Jahre, als sie zur Präsidentin der Sorbonne gewählt, wie 1982, als sie zur ersten Rektorin aller Hochschulen von Paris bestimmt wurde. Heute stellt sie ein Ministerratsbeschluß als erste Frau aufs Kommandodeck des „großen Schiffes“. Von Byzanz also nach Beaubourg, wie das Centre Pompidou im Pariser Volksmund auch heißt; vom Staub der Jahrhunderte an der Sorbonne hinein in den Trubel dieses Jahrmarktes.