Von David K. Shipler

WASHINGTON. – Vor kurzem zeigte ich einem sowjetischen Freund das Mahnmal für die Gefallenen von Vietnam. Langsam, meist schweigend schritten wir an der langen Mauer entlang und sahen unser dunkles Spiegelbild auf dem schwarzen, polierten Granit zwischen den eingravierten Namen der 58 156 Toten.

Ich fragte mich laut, was für ein Denkmal die Sowjetunion wohl für ihre Kriegsveteranen aus Afghanistan errichten würde. Mein Freund meinte, das würde noch mindestens zwanzig oder dreißig Jahre dauern. Denn viele der jungen Männer seien gegen ihren Willen dorthin geschickt worden und hätten doch dort „Verbrechen“ begangen.

Die Sowjetunion baut der Vieldeutigkeit kein Denkmal, wie wir Amerikaner es so eindrucksvoll mit unserer Mauer aus Namen getan haben. Wie verkraftet jede der beiden Weltmächte auf ihre Art Niederlagen, was lernt sie aus ihnen, wie prägen diese Erfahrungen ihre Politik?

Die Vereinigten Staaten sind, anders als die Sowjetunion, ein demokratischer Staat mit freier Presse. Das allein müßte schon zu unterschiedlichem Verhalten führen. Theoretisch sollten wir Amerikaner unserem System den Vorteil der Weisheit verdanken, die Fähigkeit, die unbegrenzte Flut der Informationen über andere Teile der Welt mit Verstand zu verarbeiten. Das Gewicht, das unsere Staatsform dem Willen des Volkes einräumt, sollte uns Schranken auferlegen, besonders bei der Entsendung von Truppen, die für die sowjetische Führung nicht gelten.

Aber wie sehr unterschieden sich unsere beiden Länder tatsächlich in ihren fehlgeschlagenen Kriegsabenteuern? Beide versackten im Sumpf ferner Konflikte, weil sie deren Bedeutung, Bedrohung und soziale Auswirkungen wie auch die Siegesaussichten falsch einstuften. Beide überschätzten die Bedeutung überlegener Feuerkraft in einem Guerillakrieg. Und beide brauchten etwa gleich lange, um sich wieder aus dem Konflikt zu lösen – rund neun Jahre.

In den sechziger Jahren glaubten die Vereinigten Staaten, Vietnam könnte der Machtausweitung des kommunistischen China zum Opfer fallen. Aber die Lektüre auch nur eines einfachen Geschichtsbuches hätte offenbart, mit welcher Hartnäckigkeit die Vietnamesen sich jahrhundertelang gegen die Chinesen zur Wehr gesetzt haben.