Von Birgit Schwarz

Pjöngjang, im März

Die Lichter Pjöngjangs sind erloschen, in der Wohnung dröhnt der Fernseher. Doch niemand schenkt dem revolutionären Lehrstück auf dem Bildschirm Beachtung. Das Revolutionsdrama soll nur unsere Stimmen übertönen. Meine Gastgeber haben sich angewöhnt, vorsichtig zu sein; man weiß ja nie, wer mithört.

„Es ist eine Schande für den Sozialismus, daß die ihr System sozialistisch nennen.“ Ein derart vernichtendes Urteil über den „Bruderstaat“ im Nordosten Asiens hatte ich aus dem Mund eines Sozialisten, eines Osteuropäers, nicht erwartet. „Was Sie hier vorfinden“, fährt er fort, „ist eine Mischung aus Feudalismus, Faschismus und Überwachungsstaat.“

Pjöngjang – Hauptstadt Nordkoreas, des „Paradieses auf Erden“, wie sich das 20 Millionen Einwohner zählende Land selbst bezeichnet –, die Hölle schlechthin, wie seine verfeindeten Brüder im Süden der geteilten, an China angrenzenden Halbinsel bis vor nicht allzulanger Zeit noch behaupteten. An einem angeblich abhörsicheren Ort stehen mir langjährige Kenner und Beobachter eines Staates, der im Westen als Wirklichkeit gewordene Orwellsche Fiktion gilt, zu nächtlicher Stunde Rede und Antwort. Das an Paranoia grenzende Mißtrauen verschlägt mir den Atem. Kein Telephonat, das nicht abgehört würde, heißt es. Niemand bleibe in den eigenen vier Wänden unbelauscht. Selbst unter den Sesseln der Hotel-Lobbies habe man Wanzen entdeckt, und das Personal, von der Putzfrau bis zum Chauffeur, leiste Spitzeldienste. Kim Il Sung, seit 41 Jahren Staatschef der „Demokratischen Volksrepublik Korea“, herrsche über das Land wie Stalin, lautet das Fazit. „Er hat alles im Griff, alles hält still.“

„Das ist Ihr Vorurteil“, entgegnet Cho Gum Chol, Angestellter des staatlichen Tourismusverbandes und mir als Übersetzer zur Seite gestellt, als ich ihn auf die Vorwürfe der Total-Observierung anspreche. „Soviel Staatssicherheitsdienst, wie Sie immer denken, gibt es hier nicht.“ Cho weiß um das negative Image seines Landes im Westen. Sechs Jahre lang hat er Germanistik in der DDR studiert und in seiner Freizeit Fernsehen, auch Westfernsehen, verschlungen – manchmal bis zu acht Stunden am Tag, erzählt er. Cho wirkt, wie die meisten Nordkoreaner, die mir im Rahmen des offiziellen Reiseprogramms begegnen, unverkrampft, gesprächsbereit, interessiert. Überall treffe ich auf zuvorkommende Höflichkeit und Zurückhaltung, wie sie die Kultur dem Gast gegenüber gebietet und wie ich sie auch im Süden kennengelernt hatte. Und doch macht sich Unbehagen breit.