In Bonn wird gerade wieder einmal über eine Umbildung des Kabinetts nachgedacht; auf einer Liste aus den Reihen der CDU-Fraktion, die dem Kanzler vier Entlassungen vorschlägt, stünden, meldet die FAZ, ganz oben die Namen Lehr und Scholz. Wie verdient oder unverdient solche Überlegungen im einzelnen auch sein mögen: Sollte der Kanzler sich den Vorschlägen anschließen, dann würde in den Zeitungen wieder stehen, daß ein paar Seiteneinsteiger gescheitert sind. Für die absehbare Zukunft würde dann nicht einmal mehr vermittels eines Alibis versucht werden, den Geist zu hofieren. Und es wäre dann schon die Frage, gegen wen ein solches Ende vor allem spräche.

Herbert Riehl-Heyse in der Osterausgabe der „Süddeutschen Zeitung“

Neues aus der karpatischen Despotei

Hin und wieder, wenn er nicht achtgibt, wirft der Redakteur, ehe er die unverlangte Einsendung sacht in den Papierkorb gleiten läßt, doch einen letzten Blick auf das Postgut. In diesem Fall hätte er das besser nicht getan. Denn die Zeitschrift Neue Literatur, herausgegeben vom Schriftstellerverband der Sozialistischen Republik Rumänien, vermag den gelangweilten Redakteur tatsächlich zu fesseln: Plötzlich wähnt er sich nicht mehr im nüchternen Hamburg, sondern im spätantiken Byzanz. Die Literatur nämlich, welche die Neue Literatur auf stark holzgesättigtem Papier zu bieten hat, besteht zum großen Teil aus Huldigungsadressen an den letzten Despoten Europas, den Conducator Nicolae Ceausescu und dessen hochwohllöbliche Gattin, die „Genossin Akademiemitglied Doktor Ingenieur Elena Ceausescu“. Die rumäniendeutschen Schriftsteller blicken (wie der Redakteur gerührt erfährt), „durchdrungen von tiefster Ehrfurcht und Liebe, mit Stolz auf die Persönlichkeit unseres Generalsekretärs, der an der Spitze unserer kommunistischen Partei den Genius unseres Volkes verkörpert“. Solcher Überschwang ist natürlich ganz besonders bei einem Staatsmann angebracht, der die rumäniendeutsche Literatur erfolgreich in die Bundesrepublik ausgesiedelt hat und zu Hause ein einzigartiges Regime aus Armut und Geheimdienstterror führt. Dieser stalinistische Verbrecher, der seit 24 Jahren Rumänien beherrscht, hat es nicht anders verdient, als daß ihm mit Sonetten, Balladen und Hymnen bis zur Selbstverleugnung gehuldigt wird.

Diese ganze Veranstaltung wäre bloß ekelerregend, wenn sie nicht zugleich so traurig wäre: Rumänien ist heute ein einziges Straflager, in dem alles für den höheren Ruhm des Ehepaars Ceausescu und dessen Verwandtschaft arbeitet. Während sich der Westen an den Reformen Gorbatschows freut, übersieht er gern die Zustände im Unrechtsstaat Rumänien, ja, die Bundesrepublik erstattet diesen byzantinischen Machthabern noch die sog. Ausbildungskosten zurück, die das Regime als Ausreisesteuer erhebt. Die Demütigung, zu der Schriftsteller gezwungen werden, mag harmlos sein im Vergleich mit der Dorfplanierung, die Ceausescu immer noch betreibt, aber alles zusammen gehört zu jenem „kulturellen Genozid“, von dem der aus Rumänien stammende Schriftsteller Eugène Ionesco gesprochen hat.

Riesengroßer Schade

Das hat es noch nie gegeben: einen „legalen“ öffentlichen Protest sowjetischer Intellektueller gegen Menschenrechtsverletzungen in einem Staat des Warschauer Paktes. In einem Brief an die „Sehr geehrten Genossen“ der Regierung der Tschechoslowakei protestieren bekannte sowjetische Künstler gegen die Verurteilung des „weltbekannten Dramatikers“ Vaclav Havel. In dem Schreiben, das unterzeichnet ist von dem Historiker Juri Afanassjew, heißt es: „Die repressive Behandlung von Kulturschaffenden, die in der Vergangenheit wucherte, hat der Kultur und dem Staat riesengroßen Schaden zugefügt. Wir hatten gehofft, daß heute in unserem Land und in anderen sozialistischen Ländern solche willkürliche Verfolgung eines bedeutenden Schriftstellers unmöglich sei. Leider haben wir uns getäuscht!“ Den Protest haben unterschrieben unter anderem der Lyriker Jewtuschenko, die Schriftsteller Iskander und Okudschawa, die Regisseure Ljubimow und Messerer. Auch Günter Grass, Siegfried Lenz, Wolf Biermann, Raissa Orlowa, Lew Kopelew und andere Autoren haben beim Ministerrat der ČSSR gegen die „Verurteilung Havels und seiner Freunde“ protestiert, „die uns entsetzt und empört. Die Verurteilten haben Ihrem Lande stets nur Ehre gebracht.