Von Marlies Menge

Die DDR-Führung hat es nicht leicht: Sie wird von West und Ost bedrängt und nicht zuletzt im eigenen Land. Als Rudolf Bahro vor mehr als zehn Jahren das System kritisierte, waren seine Thesen Tagesgespräch in der DDR. Der Kritiker Rolf Henrich, Rechtsanwalt aus Eisenhüttenstadt, findet heute ein schwächeres Echo. Der Grund: Rudolf Bahro stand damals unter den im System Engagierten allein mit seiner Kritik – in der DDR und im Ostblock. Heute fühlt sich allein – in der DDR und im Ostblock –, wer keine kritischen Gedanken hat. Wer Henrich verurteilt, müßte nicht nur die Mehrheit der DDR-Bevölkerung, sondern wohl auch viele Funktionäre hinter Schloß und Riegel bringen. Henrichs Buch „Der vormundschaftliche Staat“, dürfte es in der DDR erscheinen, würde eher Verwirrung stiften als eine von ihm erhoffte Erneuerungsbewegung. Aber schon nach dem Erscheinen des Buches in der Bundesrepublik erhielt Henrich prompt ein Berufsverbot: Er darf nicht mehr als Anwalt arbeiten. Er habe in „staatsfeindlicher Absicht“ gehandelt. Die DDR-Führung konnte wohl nicht anders: Wenn sie dieses Buch nicht mit Repressalien beantwortet hätte – wie viele andere hätte es bald nach sich gezogen? So geschlossen funktioniert eben das System.

Henrichs Traum vom selbstbestimmten, „ganzheitlichen“ Menschen, der anstatt in Hierarchien in Solidarität mit anderen lebt, wird wohl nur von wenigen seiner Landsleute mitgeträumt. Wenn Henrich sagt, daß viele denken wie er, so trifft das zu für seine schonungslose Kritik des Bestehenden. Bei den Reformvorstellungen ist die Bevölkerung weiter als er. Sie denkt konkreter, realistischer und deshalb für die Regierenden wohl auch beunruhigender.

Der Mut, Unwillen öffentlich kundzutun, ist gewachsen. Er macht sich in den Versammlungen zu den bevorstehenden Kommunalwahlen Anfang Mai bemerkbar. Früher wurde für solche Veranstaltungen geworben. Heute werden sie fast geheimgehalten aus Angst vor den kritischen Geistern, die wie Henrich Veränderungen wollen, sie aber auch konkret benennen. So ärgert sich eine junge Facharbeiterin in Berlin, die für mehr Leistungslohn plädiert, daß die Faulen allenfalls siebzig Mark Prämie weniger bekommen als die Tüchtigen. „Was sind denn siebzig Mark? Ein Paar anständige Turnschuhe kosten ja schon 200 Mark!“ Ein Arbeiter erzählt in der Wahlversammlung, wie sein Betrieb geputzt wurde, weil der Chef der DDR-Gewerkschaft, Harry Tisch, seinen Besuch angesagt hatte: „Dem brauchen wir doch nichts vorzumachen, das ist doch angeblich unser Kumpel, einer von uns.“ In einer Kleinstadt im Bezirk Leipzig werden die Rekonstruktion der Kläranlage und Informationen über die Umweltbelastung der Region verlangt. Eine Frau schimpft über die Energieverschwendung in überheizten Büroräumen und über das Wegwerfen von Brot. Sie fordert Preise, die ein Gefühl für den Wert der Ware geben.

Es ist absurd: Die Regierung will ihrer Bevölkerung weiter die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die niedrigen Mieten, die niedrigen Preise für Grundnahrungsmittel erhalten. Sie erfüllt Forderungen der frühen Arbeiterbewegung. Viele der so Beschenkten würden aber inzwischen gern darauf verzichten, wenn dies zu effektiverem Wirtschaften, zu besseren Wohnungen, zu mehr ökologischem Denken führen würde, und dazu, daß die Menschen für ihr Geld besser einkaufen können.

Am Jahresanfang erließ die Regierung eine Reiseverordnung, die vielen die bis dahin großzügig zugestandene Westreise qua Gesetz unmöglich machte. Der Unmut darüber wurde so laut, daß der Erlaß inzwischen revidiert werden mußte. Dem Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe, der wegen seiner Zweifel an dieser Verordnung im Neuen Deutschland heftig gerügt worden war, war es vergönnt, die Änderung zu verkünden. Zufriedenheit wird es trotzdem kaum geben. Zu viele sind noch immer von den Reisen ausgeschlossen.

Wenn Rolf Henrich Partei und Staat und deren Machtmechanismen kritisiert, spricht er sicher vielen aus der Seele. Kränken wird manchen Christen seine Ablehnung der Kirche als eine eher staatsstützende Institution. Henrich übersieht dabei, daß es Mitglieder jener Kirche waren, die beim Kirchentag in Halle im letzten Sommer sehr konkrete Vorschläge unterbreiteten, wie mehr Demokratie und eine friedlichere Gesellschaft zu erreichen wären. Sie wurden daraufhin vom ersten Bezirksparteisekretär von Halle auf der siebten Tagung des ZK der SED als „verantwortungslose Erneuerungsapostel“ beschimpft. Den mitbeteiligten Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer hielten DDR-Beamte bei einer Westreise stundenlang an der Grenze fest.