Geheim-geheim. Mädchen sind doof, das weiß jeder Mann von zwölf oder dreizehn. Am meisten nerven ältere Schwestern, und wenn man dann noch, wie Krille, gezwungen ist, mit so einer eine gemeinsame, wenn auch geräumige Bude zu bewohnen, dann könnte man ausflippen über eine derart hochmütige, stelzbeinige, aufgedonnerte Gans.

Krilles Schwester beispielsweise machte ihn über zwei Jahre verrückt mit dieser Antwort, wenn sie mehrfach in der Woche für Stunden verschwand und auf Fragen immer nur den lackierten Finger an den Mund legte. Sie ging zu und kam von ihrem Geheim-geheim. Geduldet von den wissend lächelnden Eltern, die sie einfach zu Komplizen gemacht hatte. Die größte Frechheit aber kommt zutage, als sich das Rätsel löst. Sich auflöst in buchstäblich nichts. Ach was: in weniger als nichts. Französisch hat sie gelernt, angespornt von einer in Aussicht gestellten Reise nach Paris! Wieder mal ein Beweis dafür, daß es einfach nicht den Versuch lohnt, in das verworrene Innenleben dieser Gattung Einblick zu nehmen. Unbegreiflich, daß aus sowas irgendwann Mütter werden. Mütter, die wirklich Wichtiges zwar ebenso wenig verstehen, die sich aber wenigstens Mühe geben und manchmal sogar Verständnis aufbringen. Weil sie immerhin kapieren, daß es einen Haufen verdammt wichtiger Dinge im Leben eines Jungen gibt, die sie eben nie und nie kapieren werden, in tausend Jahren nicht.

So etwas unbeschreiblich Wichtiges im Leben von Krille Katalog, der natürlich anders heißt, aber wen interessiert das schon, ist die Bande, der er als anerkanntes Mitglied angehört. Katalog nämlich, weil er ein ungeheures Gedächtnis hat, das sich auf eine einmalige Kartei stützt. Krille katalogisiert alles; er ist ein wandelndes Lexikon und für die Bande unersetzlich. Oder doch fast unersetzlich, denn beim Wechsel zum Gymnasium muß er feststellen, daß Bindungen, die er für unauflöslich gehalten hat, sich eben doch langsam auflösen. Einfach so – ohne Katastrophen und Paukenschlag, kein Mensch weiß warum. Plötzlich ist etwas nicht mehr wichtig, ohne das man sich sein Leben gar nicht vorstellen konnte. Auch gar nicht wollte. Ganz offensichtlich kann es im Leben eines Zwölfjährigen nicht übermäßig viel Wichtiges nebeneinander geben: eine Wichtigkeit muß sozusagen einer anderen weichen. Mit Ausnahmen natürlich. Das gibt’s ja, das wird bis zum Überdruß behauptet, immer.

Die Ausnahme aller Ausnahmen ist Jan. Jan, dessen Gesicht eine Landschaft voll unzählbarer Sommersprossen ist, Jan mit dem unverschämten Grinsen, zu dem ein abgebrochener Schneidezahn, rechts vom Betrachter aus gesehen, verhilft. Jan, der mit seinem exorbitanten Fahrrad Kunststücke mal eben so ablaufen läßt, die alle Bandenmitglieder von ehrfürchtigem Staunen zu frenetischem Jubeln bringen. Jan, der Krilles Freund wird; obwohl er noch nie einen Freund hatte, von dem er so wenig wußte, der von soviel umgeben war, wonach Krille nie fragen durfte und das dann auch nicht wollte, weil Jan sich sofort verfinsterte und entzog. Womöglich für Monate und ohne Abschied, manchmal auch mit Abschied, der dann würgend weh tat. Jan, der klein und eher zierlich ist, aber mörderisch zulangen kann, wenn ihm wer an die Pelle will. Jan, der Sachen weiß, von denen Krille keine Ahnung hat – trotz seines Ehrennamens. Jan, der kein Buch gelesen hat (die Schulbücher ausgenommen), den die simpelsten Comics verblüffen. Jan mit seiner weißen Haut, die aussieht, als gäbe es keine Sommerferien, hätte sie nie gegeben in Jans ganzem Leben, von dem keiner weiß, wie lange es bis jetzt gedauert hat. Jan, der von sich sagt, er hätte kein Alter und sich nicht die Bohne freut, jedes Jahr endlich älter zu werden.

Jan, Jan, Jan – nach dem sich Krille unbeschreiblich sehnt, wenn er mal wieder verschwunden ist. Jan, den Krille liebt, wie sonst nichts auf der Welt, auch wenn er so ein Wort wie Liebe gar nicht in seinem Vokabular hat, nicht kennt, nicht duldet. Jan, den Krille nicht vergessen wird, was auch immer in seinem Leben, seinem traurigen beschissenen Jan-losen Leben sich noch an Unwichtigkeiten abspielen mag.

Dieses Buch ist ungewöhnlich in Form und Inhalt. Ungewöhnlich ehrlich, anrührend, traurig. Ungewöhnlich wahr. Und die Wahrheit schmückt sich nicht, sie bläht sich nicht, bittet nicht streng um Aufmerksamkeit, ist einfach da, nimmt Besitz vom Leser, macht ihn zum atemlosen Mitwisser, schließt ihn nach Belieben aus vom Besserwissen der Erwachsenen. Die erfahren nicht mehr als die Jugendlichen, wenn sie sich in der Geschichte von Jan und Krille verlieren. Soll sich doch der erwachsene Leser einen schlauen Vers drauf machen, was nicht gesagt wird, was im Dunkeln bleibt, so wie die Seele von Krille dunkel bleiben wird für lange Zeit.

Muß erwähnt werden, daß Rückblenden ein Stilmittel dieser Erzählung sind? Daß die Gedanken von Krille immer wieder die von ihm selbst erzählte Handlung durch trennen? Muß vorlaut gesagt werden, daß man „innere Monologe“ registriert hat? Es ist also hiermit gesagt und festgestellt und auch, daß es darauf nicht aufzupassen gilt.

Das Buch ist absolut singulär, es ist wunderbar, und das Wunderbarste daran ist, daß man das in Schweden gemerkt hat: Es bekam den Preis für den besten Erstling eines Autors und die Nils-Holgersson-Medaille. Das war 1985, und Birgitta Kicherer hat es so übersetzt, daß keine Übersetzung spürbar wird. Der Autor ist ihr großen Dank schuldig. Wie seine Leser ihm.

Gert Haucke

  • Peter Pohl:

Jan, mein Freund Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer; Verlag Otto Maier, Ravensburg; 286 S.; 22,– DM