Ein Lied für den Krieg

Von Victoria Langelott

Rouget ist überall. "Unsere Spezialität: Der Rouget de Lisle" preist ein Täfelchen in einem Schaufenster der Konditorei in der Rue de Commerce eine Art Baiser mit Cremefüllung an. Auch das Geschäft selbst schmückt sich mit diesem Namen, schließlich liegt es direkt neben dem Haus Nr. 24, wo am 10. Mai 1760 Claude Josephe Rouget de Lisle geboren wurde, der Dichter und Komponist der Marseillaise, jenem Kriegslied für die Rheinarmee des revolutionären Frankreichs, das nach manchem politischen Hickhack zur Nationalhymne der französischen Republik werden sollte. Das unscheinbare Haus mit seiner verblaßten Gedenktafel liegt im Zentrum von Lons-le-Saunier. Es ist die Hauptstadt des französischen Departements Jura, weitab vom Brennpunkt jener revolutionären Ereignisse, die vor 200 Jahren zuerst Paris und dann die ganze Welt in Atem hielten.

Aber nicht nur süßes Gebäck erinnert an den prominenten Sohn der Stadt: Autoschlangen quälen sich durch die Rue Rouget de Lisle und Avenue de la Marseillaise. Wer Kupplung und Nerven schonen will, läßt seinen Wagen auf dem Parkplatz an der Promenade de la Chevalerie stehen. Hier wacht eine von dem Colmarer Bildhauer Bartholdi geschaffene Bronzestatue Rougets über das Blech. Den rechten Arm im feurigen Schwung der Melodie emporgehoben, steht er auf dem Sockel und schmettert sein Lied – und tatsächlich: Jedesmal, wenn am gegenüberliegenden Theater der Zeiger der Uhr zur vollen Stunde vorrückt, wird die Illusion wahr: "Allons enfants de la patrie! Le jour de gloire est arrivé", tönt das Glockenspiel über den Platz.

Rougets Vater, einem Advokaten, schien der städtische Trubel nicht forderlich für die Entwicklung seines Knaben. Nach dessen Geburt erwarb er ein zwar kleines, dafür aber recht schmuckes Haus in Montaigu, einem verschlafenen Ort, unweit der Stadt auf einer Anhöhe gelegen. Zur einen Seite hin überblickt man von dort das Häusermeer von Lons, zur anderen genießt man die weite Aussicht über Wälder, Viehweiden und die weinbewachsenen Hänge des Jura. Eine Zusatztafel am Ortsschild weist den Besucher gebührend darauf hin, daß er sich im Heimatort des Rouget de Lisle befindet. Hier, in dieser friedlichen Idylle, verbrachte er seine Jugend, bevor es ihn zunächst nach Straßburg, dann nach Paris zog.

Kinder spielen auf einem kleinen Platz in der Ortsmitte Fußball, selbstverständlich ein Place Rouget de Lisle. Hinter parkenden Autos erhebt sich aus einem Steinbecken ein Obelisk, 1882 dem Schöpfer der Marseillaise errichtet und von Wellen aus verschiedenfarbig blühenden Pflanzen umspült, die einen bronzenen Schwan tragen. Kitsch des 19. Jahrhunderts.

Das Lied, das Rouget so berühmt machte, entstand jedoch weitab von den Hügeln des heimatlichen Jura, im elsässischen Straßburg. Seit 1791 war er dort als Pionierhauptmann unter Marschall Luckner stationiert. Hier war er, der etwas Geige spielen konnte, des öfteren zu Gast im Hause des ersten republikanischen Bürgermeisters der Stadt, Frédéric de Dietrich, der, wie Rouget selbst, den Gemäßigten im Spektrum der französischen Revolutionäre zuzurechnen ist. Am 25. April 1792 trifft aus Paris eine eilige Depesche ein. Honoratioren und Offiziere werden ins Rathaus gebeten, wo Dietrich den Inhalt bekanntgibt: Frankreich hat Osterreich den Krieg erklärt.

Die Gäste des Bürgermeisters, unter ihnen auch Rouget de Lisle, sind Feuer und Flamme. Sie alle sind treue Staatsbürger ihres revolutionären Vaterlandes, und die patriotischen Wellen schlagen hoch. Es gilt in diesem Krieg das Erbe von 1789, die Grundrechte, allen voran die Freiheit, zu verteidigen und weiterzuführen; zu verteidigen gegen Abtrünnige im Innern ebenso wie gegen die Feinde von außen, die europäische Feudalmacht, die von emigrierten französischen Adligen unterstützt wird. Ein Freiwilligenbataillon soll selbstverständlich auch von Straßburg aus nach Paris geschickt werden, um für die Freiheit Frankreichs einzutreten. Die Gäste, die das musikalische Talent Rouget de Lisles schätzen, bitten den Hauptmann, zu dem bevorstehenden Abmarsch der Truppe ein Lied zu komponieren. Rouget läßt sich nicht zweimal bitten. Noch in derselben Nacht schreibt er Melodie und Text des Gelegenheitslieds.

Ein Lied für den Krieg

Seinen ganzen revolutionären Feuereifer legt er in die mitreißenden Rhythmen und zündenden Worte, mit denen er die Burger – die "Kinder des Vaterlandes" – dazu aufruft, die Waffen für die geliebte Freiheit zu ergreifen, um die Tyrannen das Furchten zu lehren. Bereits am Vormittag des 26. April kann er Maire Dietrich das Produkt seiner schlaflosen Nacht präsentieren. Der Burgermeister ist begeistert. Sogleich laßt er die Gesellschaft vom Vorabend nochmals zusammenkommen. Am Abend des 26. April 1792 wird Rougets Komposition im Privathaus des Burgermeisters (die heutige Banque de France am Place Broglie steht zum Teil auf den Fundamenten dieses Hauses) zum ersten Mal öffentlich gesungen, von der Nichte des Gastgebers auf dem Klavier begleitet. Nur wenig später erschien sie unter dem Titel "Kriegslied für die Rheinarmee" im Druck.

Damit war jenes Lied geboren, das später zur Nationalhymne erhoben wurde und das den revolutionären und patriotischen Geist der 1790er Jahre in wenigen Worten bündelte und immer wieder von neuem entfachte. Der Name jedoch, unter dem es dann weltweit bekannt wurde, mußte erst noch erfunden werden. Er rührt von einem Marseiller Freiwilligenbataillon her, das am 2. Juli von Süden nach Paris aufbrach und während seines 28tägigen Marsches auf jeder Etappe das "Kriegslied" sang und es populär machte. Überall nannten es die Leute ganz einfach "Das Lied der Marseiller", "La Marseillaise".

Naturlich erinnert auch im heutigen Straßburg noch manches an das historische Ereignis. Beim Rohan-Palais, das dem Burgermeister Dietrich als Amtssitz diente und heute das Kunstgewerbemuseum beherbergt, besteigt man ein Ausflugsschiff. Es tragt – wen könnte das noch überraschen – den Namen Rouget de Lisle. Man durchquert die schmalen Kanäle des alten Gerberviertels mit seinen Drehbrücken und Schleusen, vorbei am Quai du Maire Dietrich und Quai Rouget de Lisle. Wer seine geschichtlichen Kenntnisse in Sachen Revolution noch vertiefen will, der sollte einen Besuch des historischen Museums, untergebracht in der ehemaligen Grande Bouchene aus dem 16. Jahrhundert, nicht versäumen.

Im Oktober 1793 wurde die rasch an Popularität gewinnende Marseillaise in verschiedenen Zeitungen zum ersten Mal als "Hymne der Republik" und "Nationalhymne" bezeichnet. Doch die weltpolitischen Ereignisse betrafen auch Rougets Lied. Wo um Republik und Demokratie gerungen wurde, ertönte die Marseillaise; wo solche Bestrebungen unterdrückt werden sollten, wurde auch das Lied unterdrückt.

Auch der konservative Marschall Mac-Mahon, der 1871 den Aufstand der Pariser Kommune brutal niedergeschlagen hatte und 1873 zum Präsidenten der Dritten Republik gewählt worden war, weigerte sich, die Marseillaise als Nationalhymne anzuerkennen. Erst nach seinem Rücktritt 1879 – der Senat war inzwischen mehrheitlich republikanisch besetzt – stand dem Ansinnen der Marseillaise-Befürworter nichts mehr im Wege.

Im Februar 1879 wurde die Marseillaise endgültig zur Nationalhymne, und sie blieb es bis heute. Ihr Schöpfer war am 27. Juni 1836 in Choisy-le-Roi bei Paris gestorben. Sein Leichnam wurde am 14. Juli 1915 im Invalidendom in Paris beigesetzt – eine späte Ehrung.