Von Rolf Michaelis

Von Alt-Bundeskanzler Kohl kommt wieder mal nur bla-bla. Bundestagspräsident Otto Schily hat die Stimmbänder mit dem ranzigen Öl der staatstragend grünen Beredsamkeit gesalbt. Innenminister Joschka Fischer gähnt erst einmal, ehe er sich wohlwollend zur bürgerfreundlichen Entwaffnung der Polizei äußert. Außenminister Rau rühmt die endlich erkämpfte Dreißig-Stunden-Woche – und Bundeskanzler Lafontaine sich selber.

Wer am letzten Sonntag nach den Mittagsnachrichten bei NDR 3 auf Sendung blieb, konnte bös verwirrt werden. Das ist doch wirklich Kohl? Und der da unausgeschlafen raunzt – das ist doch O-Ton Joschka!

So aufrüttelnd frech, aufklärerisch vergnüglich wecken seit ein paar Jahren einige Rundfunkleute beim NDR, einmal in der Woche, die Hörer aus dem Dämmerschlaf, in den die Magazine des Dudel- und Plapper-Funks im ganzen Land das Publikum versetzen. In ihrer 265. Sendung am 2. April träumte sich die Redaktion des "satirischen Wochenmagazins Reißwolf" ins Jahr 1995 und brachte eine Live-Sendung aus dem Bonn der rot-grünen Koalition.

Der Witz beim "Polit-Klimbim vom Sender Zitrone", Höhepunkt jeder "Reißwolf"-Sendung: Es wird wirklich live gesendet. Aus authentischen Ton-Schnipseln werden in mühevoller Kleinarbeit künstliche Sendungen komponiert. Unter der Hand von Meistern der politischen Satire – und der entlarvenden Schnitt-Technik – entstehen aus Original-Dokumenten fiktive Gesprächsrunden und Interviews.

Soll diese Insel eines amüsanten, kritischen Radio-Journalismus’ jetzt auch in den Wellen des Land und Leute überschwemmenden Ablenkungsfunks versinken? Am 2. April wurde die alle und alles aufs kleinste Format zermalmende Reißwolf-Maschine, mit deren Rumpeln jede Sendung beginnt, nicht wie bisher zu bester Sonntagnachmittagzeit um 14.15 Uhr aufs Publikum losgelassen, sondern zur ungünstigen Kirchen- und Küchen-Zeit, um 12.05 Uhr, in Konkurrenz zu "Presseclub" und "Sonntagskonzert" in den beiden großen Fernsehanstalten – und nicht mehr im "Massenprogramm" von NDR 2, sondern im renovierten, auf eine Minderheit spekulierenden "Kulturprogramm" von NDR 3.

Aha, sagt der aufmerksame, durch Schaden klug gewordene Hörer, den die Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik immer seltener zum Einschalten verlocken, da soll doch wieder einmal eine gute Sendung wegsaniert werden, deren Aufmüpfigkeit Politikern und Proporz-Kaspern in den Rundfunkräten unbequem ist. Wenn erst einmal feststeht, daß die Reißwolfgemeinde (die es im Sendebereich des NDR wirklich gibt und die ihrem Wort zum Sonntag ungeduldiger entgegenfiebert als die Samstagsgesellschaft vor dem Fernseher) – wenn diese Gemeinde im Minderheiten-Programm des NDR 3 und zur Unzeit – vor dem Mittagessen – schrumpft, könnte die Sendung "im Zuge unvermeidbarer Sparmaßnahmen" bald selber in den Reißwolf geraten. Auf jeden Fall ist schon jetzt der von Millionen gehörte, sonntägliche "Radiotreff" von NDR 2 um eine zum Lachen, zum Nachdenken verführende .Attraktion ärmer.