Von Klemens Polatschek

Österreich nach 70 Jahren Interregnum. Der Tod liefert den geringen Anlaß großer Veranstaltungen; an ihrem Ende steht etwas im Kopf, das ist weich und fest zugleich. Niemand weiß, wie der Fortschritt aussieht, aber wenn es sein Gegenteil gibt: Es sitzt in Wien und so fühlt es sich an.

„Prinzessin von Bourbon-Parma, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn“: Zita Habsburg-Lothringen. Sie stirbt im 97. Lebensjahr am 14. März 1989 in ihrer Schweizer Wohnung, gebrechlich und beinahe blind. Ihrem Leichnam werden Herz und Eingeweide entnommen, bevor er mit Paraffin einbalsamiert wird, wie es bei den Habsburgern Gesetz ist. Die österreichischen Zeitungen beginnen ihre Zita-Serien. Die sterbliche Hülle der Verblichenen wird in das Stift Klosterneuburg überführt, das nur wenige Kilometer von Wien entfernt ist

Die zwei-, dreihundert Zeitungsleser, die da Spalier stehen, die wissen schon alles: Wem die sechstürigen nachtblauen Limousinen gehören, welchem Seitenzweig der Familie jener elegante Herr entsprossen ist und daß für Zita heute dreißig Priester im Einsatz sind. Eine Dame steht im Mittelpunkt, sie wurde von einem Enkel Zitas die letzten Meter im Auto mitgenommen. Die pralle Sonne setzt allen zu, in die Köpfe schießt der Satz „Ich sag’ ja, ein Kaiserwetter“. So hieß das damals in der Monarchie, wenn über allen Kronländern die Sonne schien.

Der Glanz läßt bis heute nicht nach. Wie die alte Monarchie „sollte ein Europa der Nationen aussehen“, schreiben die „österreichischen Publizisten, wo immer sie können. Sie nehmen sich von der Monarchie, was sie brauchen. Da war ein Weltkrieg, es bleibt vor allem Zita, die „Friedenskaiserin“, die über ihren Bruder Kontakte zum Kriegsgegner Frankreich knüpfte, die gegen Giftgas und Bombardements kämpfte, sie, die eigentliche Herrin des Hauses Österreich neben dem schwachen Kaiser Karl.

Es nützte nichts: Nach dem Krieg kamen Republik, Machtverzicht und Exil, Adelstitel waren abgeschafft. Wien wurde zum Freilichtmuseum mit speziellen Anziehungspunkten; den verlassenen Sommersitz, das Schloß Schönbrunn erobern jeden Sonntag die jungen Paare aus den Wiener Gemeindebauten aufs neue. Mehr Gold als in allen alten Kronjuwelen zusammen steckt in den elektronischen Kontakten der Videokameras, die an einem Tag über die landebahnartigen Kieswege getragen werden, um die Vergangenheit festzuhalten, wo immer sie sich zeigt.

„Wenn man ein wenig in die Monarchie hineinschnüffelt“, sagt der Historiker Gerhard Jagschitz, scheine sie weniger freundlich: An der Spitze sei der Kaiser als gütiger Vater gestanden, während im Heer „mit willkürlichen Erschießungen SS-Methoden vorweggenommen wurden“. Anlässe, die für die Geschichtsbücher zu geringfügig sind, genügten für die Repression: Als Zitas Vorgängerin Elisabeth in Genf ermordet und nach Wien überführt wird, sind alle Beamten des Kaiserreichs entlang der Strecke verpflichtet, der Toten im Zug die Referenz zu erweisen. In Tirol entschlüpft einem, „wegen der Fack“ wolle er nicht so früh aufstehen. Er wird zu fünf Jahren Kerker verurteilt.