Der Patient verstarb schließlich unter dem klinischen Bild des zentralbedingten Kreislaufversagens“, schrieb der Facharzt für Anästhesie J.S. Kontokollias in seinem Gutachten zum Tod des Häftlings Sigurd Debus. „Die Sektion ergab als Todesursache eine massive Blutung im Bereich des zentralen Nervensystems sowie Absterben von Teilen des Hirns und des Rückenmarks.“

Sigurd Debus, Mitglied der RAF-Gruppe, hatte seit 1974 in Hamburg im Gefängnis gesessen. Im Zuge eines von RAF-Häftlingen beschlossenen Hungerstreiks verweigerte der damals 38jährige vom 10. Februar 1981 an jede Nahrung. 37 Tage später begannen die Ärzte des Krankenhauses, in das Debus verlegt worden war, mit einer intravenösen Zwangsernährung. Gleichwohl starb der Patient am 58. Tag seines Hungerstreiks – nicht etwa an Schwäche infolge des Kalorienmangels, sondern an den Folgen vor allem des Mangels an Vitamin B 1 (Thiamin). Die tödliche Gefahr des Vitaminmangels, so konstatierte der Gutachter, hatten die Klinikärzte schlicht übersehen.

Hunger ist für den Körper ein vielstufiger, kompliziert ablaufender Abbauprozeß: Seinen täglichen Energiebedarf von mindestens 1200 Kalorien holt sich der Körper aus dem Fettgewebe, aber auch aus den Eiweißdepots, die in der Muskulatur, im Blut und Blutplasma angelegt sind, und den Traubenzuckereinlagerungen in der Leber. Da diese Kohlehydrate schon nach rund 36 Stunden aufgezehrt sind, wird das Fettgewebe abgeschmolzen, um für den Herz-Lungen-Kreislauf Energie zu gewinnen.

Anfangs nimmt das Gewicht rasch ab: nach einer Woche etwa dreizehn Prozent, nach einem Monat ein Fünftel, nach vierzig Hungertagen knapp ein Viertel des Ausgangsgewichts. Erst wenn sich die Gewichtsabnahme der Vierzig-Prozent-Grenze nähere, bestehe akute Lebensgefahr, sagen die Fachärzte. Je nach Ausgangspunkt tritt dieser Zustand irgendwann zwischen dem fünfzigsten und achtzigsten Tag ein – vorausgesetzt, der Hungernde nimmt genügend Wasser, Mineralien und Vitamine zu sich. Denn vor allem die körpereigene Vitaminproduktion schwindet rasch dahin.

Durch fortschreitenden Hunger verändert sich aber auch der Stoffwechsel. Bald schon steigt im Blut der Harnsäurespiegel; zudem reichern sich bei der Zellauflösung im Körper freiwerdende Gifte an, die schwere Nierenschäden hervorrufen können. Der akute Eiweißmangel führt zu Hungerödemen; die zunehmend apathischen Zustände häufen sich, ehe der Hungernde in Bewußtlosigkeit fällt. Die Widerstandskraft – und so auch die Dauer des Hungerstreiks bis zum Koma – hängt wesentlich von der körperlichen und seelischen Verfassung des Hungernden ab. Erst die innere Selbstaufgabe führt zu einem relativ raschen Ende. Während des dritten Hungerstreiks der RAF-Inhaftierten starb Holger Meins am 59. Tag am 9. November 1974 in der Justizvollzugsanstalt Wittlich. Auch er war – wie sieben Jahre später Sigurd Debus – vorübergehend zwangsernährt worden.

Seither ist bekannt, daß die zwangsweise Einführung von Nährstoffen unter Umständen das Sterben sogar beschleunigt, zumal sie eine menschenunwürdige Gewaltanwendung darstellt.

Die RAF-Gefangene Adelheid Schulz schilderte die ihr 1984 verabreichte Zwangsernährung so: „Sie zerren mich auf den Spezialstuhl, bei dem die Rückenlehne klappbar ist. An diesem Ding wird man festgeschnallt: Mit Hand- und Fußschellen und mit Gurten an den Beinen, an der Brust, am Bauch, an den Armen bis zum Hals, so eng, bis ich mich nicht mehr rühren kann. Am Kopf machen sich Uniformierte zu schaffen, um den Kopf gegen das Kopfteil zu pressen. Sie drücken gegen die Stirn und mit den Fingerspitzen unterhalb von den Ohren, gegen das Kiefergelenk und am Hals. Sie pressen da auf den Vagusnerv, das ist das Schmerzhafteste und geht auch hinterher nicht mehr weg. Dann halten sie die Nase zu und bohren mit einem Keil im Mund herum, um die Zähne auseinander zu bekommen. Dabei ist das Zahnfleisch aufgerissen, ein Stück von einem Zahn abgebrochen worden und ein Zahn lockergehebelt. Wenn sie die Zähne aufgehebelt haben, schieben sie was dazwischen, damit man sie nicht wieder zumachen kann. Die Ärztin steht rechts mit dem roten Magenschlauch bereit und schiebt das Ding rein. Das geht nicht ohne Würgen. Es gibt einen Brechreiz und die Muskeln in der Brust und im Magen verkrampfen sich. Es wurden jedesmal fünf bis acht Ladungen von einem Brei reingepumpt, innerhalb von ein paar Minuten. Die Krämpfe gehen durch den ganzen Körper, und während sie die Brühe reinpumpen, kommt sie wieder hoch, auch neben dem Schlauch, bis in den Rachenraum. Dadurch kriegt man Erstickungsanfälle. Jedesmal wenn der Schlauch aus dem Magen rausgezogen wurde, kam ein Schwall Brühe aus dem Mund geschossen; erst wurde der Mund zugehalten und dann mit einem Mundschutz zugebunden. Aber man kann das Zeug nicht schlucken. Es kommt einem automatisch wieder aus dem Magen hoch.“