Von Fritz J. Raddatz

Dieses Buch ist ein Schock: Zweiundzwanzig Jahre hat der kubanische Schriftsteller Armando Valladares in den Zuchthäusern Castros gesessen, ohne Prozeß, ohne Beweise irgendeiner Schuld. "Nichts, absolut gar nichts" war bei der Haussuchung gefunden worden. Zuchthäuser ist ein euphemistisches Wort – es waren (sind?) KZs.

Der Bericht ist gellende Anklage gegen Justizwillkür, Unterdrückung, Mord. Keineswegs verschwanden in den karibischen Gulags "nur Konterrevolutionäre"; nach bestem Stalinschen Rezept füllten sich die Elendsbaracken und Folterverliese sehr rasch mit ehemaligen Kampfgefährten Castros – David Salvador etwa, Führer der "Bewegung 26. Juli" und Exgeneralsekretär der Arbeiter-Föderation Kubas, wurde zu dreißig Jahren Haft verurteilt; der Bruder des ersten revolutionären Luftwaffenchefs Pedro Luis Díaz Lanz wurde nur verhaftet, weil er der Bruder (des später in die USA Geflüchteten) war: "Auf der gesamten Insel fuhren die Erschießungskommandos ohne Unterbrechung mit ihrer Arbeit fort. In diesen Tagen erklärte Hauptmann Antonio Núñez Jimenez, daß man in Zukunft das Jahr 1961, das eigentlich als Jahr der Erziehung’ gefeiert wurde, das Jahr der Erschießungswand’ nennen würde. Und seine Vorhersage bewahrheitete sich."

Was Armando Valladares schildert, ist eine Hölle; das Wort ist nicht zu verbraucht für dieses Gemenge aus Demütigungen, Hunger, Schlägen. Es gibt Zeugnis von all den täglichen Qualen und Erniedrigungen und falschen kleinen Hoffnungen, wie man sie aus der Gefängnisliteratur kennt – von Ernst Tollers

"Schwalbenbuch" über Jurek Beckers "Jakob der Lügner" bis zu Kempowskis Notaten: Durst, sexuelle Not, kleine Listen (wie das selbstgebastelte Radio) und die ewige Idee – Flucht. Die Schilderung des ersten Ausbruchsversuchs hat die Intensität von Anna Seghers’ "Das siebte Kreuz". Die entsetzlichen Prügelszenen erinnern an die Zeugenaussagen des Mords an Erich Mühsam im KZ Oranienburg.

Deshalb stelle ich dieses Buch zur Diskussion; denn wenn zu Recht immer und immer wieder die deutschen Zeitgenossen jener braunen Jahre gefragt werden: "Wo wart ihr?", wenn sie zu Unrecht lamentieren: "Wir haben nichts gewußt" (gar schreiben: "Damals lag Deutschland in Trümmern...": 1935?!) – dann muß umgekehrt gefragt werden: Wo waren alle die "Weltgewissen", als Tausende in Kuba hingerichtet, in Scheiße ertränkt, in Pferchen wie Vieh gehalten wurden, ohne Nahrung, ohne Medikamente, ohne ärztliche Versorgung, ohne Verbindung zur Außenwelt? Wo hat Sartre seine Stimme erhoben oder Peter Weiss oder wie all die Revolutionstouristen hießen, die so oft und so gerne zu prachtvollen Kulturfestivals nach Havanna anreisten? Man lese heute mal nach das Kursbuch Nummer 11, erschienen 1968; da saß Armando Valladares schon acht Jahre, gefoltert, zur Zwangsarbeit gepreßt, mit Gewehrkolben in die Steinbrüche getrieben – ein Wrack auf Lebenszeit. Fast liest es sich wie eine bittere Parodie, was Peter Weiss da – neben Castro und Douglas Bravo – schrieb: "Nennen wir die Welt, für deren Zukunft Che Guevara gefallen ist, bei ihrem richtigen Namen, nennen wir sie die Erste Welt, denn sie ist größer als jede andere. Oder nennen wir sie die revolutionäre Welt, denn sie ist es, die heute die Revolution trägt... Wir sind Optimisten. Wir glauben an die eingeborene Kraft, die den Menschen dazu befähigt, seine Unterdrücker zu stürzen." Die internationalen Revolutionshymniker aßen Austern in der "Coupole" – Armando Valladares fraß lebende Heuschrecken und rohe Schlangen und trank seinen Urin, um nicht zu verrecken.

Das ist kein Pharisäer-Aufschrei. Einer – meines Wissens nur dieser eine – hat protestiert und hat etwas erreicht: Der linksradikale italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, mit Castro persönlich befreundet, flog nach Havanna, um dem Maximo Lider sein Entsetzen über die Errichtung von KZs für Homosexuelle zu formulieren. Sie wurden aufgelöst. In diesem Punkt ist das Buch von Armando Valladares übrigens ungenau; das Vorwort spricht von 200 Strafvollzugsanstalten, die "es zur Zeit gibt", und sagt: "Heute, jetzt in diesem Augenblick, vegetieren dort Hunderte von politischen Gefangenen dahin, seit vier Jahren nackt, ohne ärztliche Betreuung, ohne Besuchserlaubnis, auf der Erde liegend und in Zellen eingeschlossen, deren Fenster und Türen zugemauert sind." Aber dieses Vorwort ist nicht datiert. Man möchte unbedingt wissen: Heißt "heute, jetzt, in diesem Augenblick" wirklich heute und jetzt? Dann wäre die Frage nach einem weltweiten Protest gegen diese stalinkaribische Barbarei keine historische, sondern eine aktuelle.