Die Lücke, die in vielen deutschen Lebensläufen klafft – Wolfgang Moser und Hans-Joachim Lang, die beiden Träger des diesjährigen Fritz-Sänger-Preises für mutigen Journalismus, sind nichtsahnend, aber unerschrocken in sie hineingestolpert. Jetzt scheinen auch dort braune Flecken, wo es bisher keine gab.

Fritz Sänger begann, so heißt es in einer Dokumentation der Sozialdemokraten zu dem von ihnen verliehenen Preis, „seine journalistische Laufbahn als Redakteur von Lehrerzeitungen. Sie wurde 1933 von den Nationalsozialisten unterbrochen. Im Jahre 1946 wurde er in Hannover Chefredakteur und Herausgeber des von ihm mitbegründeten Sozialdemokratischen Pressedienstes.“

Diese Formulierung, so schrieb Preisträger Wolfgang Moser dem Vorsitzenden der Jury Freimut Duve, lasse nur den Schluß zu, daß „Sänger von 1933 bis 1945 nicht journalistisch tätig sein durfte“. In Wahrheit aber sei Sänger ein von Goebbels „akkreditiertes Mitglied der .Reichspressekonferenz’“ gewesen. Er sei „nicht nur Zeuge“ gewesen, sondern „Teil des Lügensystems“.

Einen Journalisten, der „bis zum Ende des Nazi-Regimes mit von der Partie war, mit von der Partie sein durfte“, einen solchen Journalisten, schrieb Preisträger Moser an Jury-Chef Duve, könne die SPD nicht als „geistigen Vater eines Preises für ‚mutigen Journalismus’ ausgeben“. Und darum, schrieb Moser, müsse er seine „Zusage zur Entgegennahme des Preises“ zurückziehen.

Mutig. Fritz Sänger selbst hatte vielleicht nicht immer so viel Unerschrockenheit vorgewiesen. Doch die Lücke in dem verteilten Lebenslauf verbirgt keine Schande wie bei vielen anderen Journalisten ( Freimut Duve ist wütend über sich, daß er das Fehlen von Angaben über Fritz Sängers Verhalten in der Nazi-Zeit übersehen hat).

Sänger, Sozialdemokrat seit 1920, wurde als Redakteur der Preußischen Lehrerzeitung entlassen. 1935 fand er eine neue Anstellung bei der Frankfurter Zeitung. Sie war den Nazis verhaßt – Hitler rechnete sie zu den „jüdischen Zeitungsvipern“ – andererseits blieb sie als Visitenkarte des Dritten Reiches für das Ausland bis zur Schließung 1943 unentbehrlich. Eine Vereinigung der Freunde Adolf Hitlers war die Redaktion nicht. Es gab den Hauptschriftleiter Rudolf Kirchner, der von seiner milden Opposition noch im März 1933 bald überging zu einem bedingungslosen Ja insbesondere zur Außenpolitik des Großdeutschen Reiches. Es gab die Feuilleton-Redakteure, die „zwischen den Zeilen“ ihre Resistenz gegenüber den Anforderungen der Nazis versteckten. Und es gab seit 1935 Fritz Sänger, den Zeugen.

Er saß – da hat Moser recht – Tag für Tag in der Reichspressekonferenz in Berlin, notierte gewissenhaft die Anordnungen des Propagandaministers für die deutsche Presse und gab sie an seine Redaktion in Frankfurt weiter. Aber er tat mehr. Er bewahrte – obwohl das strikt verboten und gefährlich war – seine Notizen sorgfältig auf und wurde so der Kundschafter der Nachwelt im Dritten Reich – unser Spion bei den Nazis.