Der Sonnenkönig Ludwig XIV. befahl das Bollwerk Saarlouis zur Sicherung der französischen Ostgrenze. Er verlieh Stadt und Festung seinen Namen, noch ehe es beide gab, und würdigte sie mit den Lilien seines Wappens. Nach dem Sturz Napoleons übernahmen die Preußen die Festung, und Frankreich sah bestürzt die Kanonen nunmehr auf sich gerichtet – zur Sicherung der preußischen Westgrenze. Garnison war Saarlouis in der Vergangenheit immer gewesen, und die Bewohner waren es, so oder so, im großen und ganzen zufrieden.

Beim Abzug 1815 ließen die franzosischen Truppen unwissentlich einen Wachsoldaten zurück – den Poilu Lacroix. Es wird erzählt, daß er in der Nacht zuvor mit einheimischen Freunden so ausgiebig gezecht hatte, daß er den allgemeinen Aufbruch seiner Truppe verschlief, und als er stark verspätet auf der Bastion – genannt „Halber Mond“ – den Wachdienst antreten wollte, seien seine Kameraden Bereits in Metz gewesen. Natürlich hat keiner dem Lacroix ein Haar gekrümmt. Er erlangte vielmehr, des allgemeinen Mitleids gewiß, in Saarlouis eine kleine Unsterblichkeit. Die Bürger setzten ihm auf dem „Halben Mond“, inzwischen nach Vauban benannt, ein Denkmal und widmeten ihm eine Straße. Noch heute sagen sie beim Anblick eines verdatterten Mannes: „Der steht da wie der Lacroix.“

Saarlouis rühmt sich, acht Marschälle, neun Generäle und drei Admirale hervorgebracht zu haben. Der berühmteste, Maréchal Michel Ney, Napoleons „Tapferster der Tapferen“ (1815 in Paris wegen Hochverrats erschossen), wurde in der Biergass/rue de la biere, gut hundert Jahre später der Schutztruppengeneral von Lettow-Vorbeck in der Silberherzstraße geboren. Beiden wurden Ehren zuteil: diesem die Ehrenbürgerwürde und eine Straße, jenem ein Denkmal: auf dem „Halben Mond“ mit dem Lacroix.

Das Saarländerherz ist vielfach gewandelt und gewendet. Einige Jahre hieß die schmucke Festungsstadt Saarlautern – doch das ist eine häßliche Erinnerung. Der Große Markt war Paradeplatz französischer und preußischer Garnisonssoldaten, die Post ursprünglich Amtssitz erst des französischen Gouverneurs, dann des preußischen Kommandanten. In den Kasematten beim Deutschen Tor (mit preußischem Adler und preußischer Krone) findet sich heute die längste Theke der Stadt mit einem Dutzend Restaurants. Es gibt noch vier Kasernen (Polizeiinspektion, Museum und Stadtbibliothek, Galerie Kleiner Markt, Wohnungen) und die Regenrinnen aus der Festungszeit. Die Gobelins und Barocksessel im Festsaal des Rathauses sind Geschenke Ludwigs XIV. Die Deutsche Straße führt zum Großen, die Französische zum Kleinen Markt, in der Ludwigskirche wird die Urne mit dem Herz des ersten französischen Gouverneurs aufbewahrt, ein Ehrenmal in den Anlagen am Altarm der Saar (fünf Kilometer Spazierweg mit Rampen und Treppen) bewahrt das Gedenken an die gefallenen Kämpfer der Ehrenlegion („A Nos Morts“). Gradzelääds.

Die Ethnologen lehren, daß im Saarland ein rheinfränkischer Dialekt gesprochen wird. Vermutlich ist ihnen nicht entgangen, daß die Umgangssprache eine Fülle von Begriffen aus dem Französischen vereinnahmt hat, viele Wörter des rheinfränkisch-pfälzischen Stamms klingen nur so. Die Saarländer sagen Bredullje und Fisematente, Lameng und Plafong, Riddo und Trottwa, wenn sie nach einem Ausdruck für Schwierigkeiten, handwerkliche Routine, Zimmerdecke, Vorhang und Bürgersteig suchen. Beim Auseinandergehen ermuntern sie sich mit „allee“ (von aller) und grüßen mit „salü“.

Wenn eine Saarländerin Modebewußtsein offenbart, setzt sie sich zuverlässig dem spöttischen Klischee aus, daß sie „Pariser Schickelcher“ hätte, aber „Sulzbacher Fieß“, und wenn sich ein professioneller Gastronom selbständig macht, ist er gut beraten, die Herkunft seiner Kunst von der Armeleuteküche der Bergmannsfamilien nicht zu verleugnen. Auf Konsolen der Saarbrücker Rathausfassade stehen die Vertreter der wichtigsten saarländischen Berufe in Stein gemetzt: Bergmann, Eisenhüttenmann, Bauer, Bierbrauer, Gerber und Handelsherr. Solche Männer schätzen deftige Mahlzeiten, und so ist die Küche der Saar bei allem segensreichen Einfluß welscher Gourmandise doch handfest und redlich geblieben. In den schiefen Kopfsteinpflastergassen von Saarlouis oder in der St. Johanner Altstadt von Saarbrücken riecht es nach gebackenen Lyonerscheiben in Griebenschmalz, nach Kartoffelpuffer und Zwiebelschwenkbraten. Volksmund: „Der Mensch denkt, Gott lenkt, und der Saarländer schwenkt.“ Möglicherweise wird er Champagner dem Sekt und Cognac dem Weinbrand vorziehen, aber er läßt auch nichts auf sein Bier und den sauren Viez kommen, auf seinen Dibbelabbes, wie hierzulande Kartoffelkuchen, und seine Knepp, wie Klöße genannt werden. Über den Erfolg eines Gastmahls entscheidet die Menge des Gebotenen. Und: „Haubdsach, mir ham gudd gess.“

Diese Saarländer! Viele tragen römische oder französische Namen, sie sind Vereinsmeier und Weltbürger, tagsüber greifen sie gern nach ofenwarmen Croissants und Café au lait in dicken Henkeltassen, sie trinken Bier in gleichen Mengen wie die Bayern, kippen Gauwhisky (Obstler) und Hundeärschlschnaps (gebrannte Mispeln) und stehen nach dem Ende ihrer Eisenzeit noch sehr verdattert da – halt wie der Lacroix. Sie pflegen Partnerschaften mit französischen und russischen Städten, kultivieren einen deutsch-französischen Garten mit Ehrengräbern beider Nationen und haben bereits eine Stiftung für den grenzübergreifenden „Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim“ ins Leben gerufen. Im Dorf Leidingen auf dem Muschelkalk verläuft die deutsch-französische Grenze entlang der Hauptstraße.