Am Binnenmarktprozeß muß die DDR schon deshalb dranbleiben, weil die Wettbewerbssituation für sie schwieriger wird. Westliche Experten sind der Auffassung, daß man jenseits der Elbe zu wenig zur Entwicklung qualitativ hochstehender Produkte getan hat und deshalb nun in Gefahr gerät, in der Bundesrepublik von Billiganbietern aus dem Süden der Gemeinschaft verdrängt zu werden. Bei traditionellen Produkten sind die ostdeutschen Marktanteile bereits in den vergangenen Jahren stark geschrumpft. Zwischen 1970 und 1987 sank ihr Anteil am bundesdeutschen Import bei der Bekleidung von 6,3 auf 3,1 Prozent, bei Möbeln von 12 auf 7 Prozent und bei Chemieprodukten von 2,2 auf 1,6 Prozent. DDR-Experten selbst räumen ein, daß nicht nur die im Westen geltenden Kontingentierungen für sensible Produkte wie Stahl, Textil, Glas, Keramik, Mineralölprodukte und Agrarerzeugnisse, sondern unzureichende eigene Anstrengungen das Handelspotential beschränken.

Was bestehende Restriktionen anbelangt, wird die EG Ost-Berlin wohl entgegenkommen. Aller Voraussicht nach wird die Kommission dem Ministerrat vorschlagen, der DDR die Meistbegünstigungsklausel einzuräumen. Willkürliche mengenmäßige Beschränkungen, die jetzt noch möglich sind, würden damit ebenso wie höhere Zollschranken entfallen. Auch die zolltechnische Behandlung würde sich vereinfachen. Dieser Vorschlag könnte sich im Rat wohl durchsetzen. Die Niederlande beispielsweise treten dafür ein, alle nationalen Kontingente wegfallen zu lassen, statt sie in europäische zu überführen. Die EG will aber im Gegenzug die Garantie, daß es keine diskriminierende Behandlung ihrer Waren durch die DDR gibt. Das ist freilich gar nicht so einfach, da in der DDR die staatlichen Außenhandelsstellen und nicht einzelne Unternehmen über Importe entscheiden. Damit wird die gesamte Diskussion über Wirtschaftsreformen in den sozialistischen Staaten berührt – ein Bereich, in dem die DDR wahrlich nicht an der Spitze steht.

In Brüssel wird noch darüber gerätselt, ob das Handelsabkommen mit der EG Ausdruck vorsichtig aufkeimender Reformbereitschaft ist oder ob es im Gegenteil den Reformgegnern das Argument liefert, nun sei das Ende der Fahnenstange erreicht. Jedenfalls besteht die Überzeugung, daß die DDR ohne eine Änderung ihrer Wirtschaftspraxis den Handel nicht beleben kann: "Durch die Meistbegünstigung allein werden sie keine zusätzlichen Waren im Westen absetzen", urteilt ein EG-Beamter. Man fragt sich auch, warum die DDR nur ein Handelsabkommen will und keine generelle Vereinbarung über Zusammenarbeit, die über den bloßen Handel hinausgeht, wie die meisten osteuropäischen Länder es wollen. Andererseits hat die DDR einen eigenen EG-Botschafter entsandt – alle anderen RGW-Staaten bis auf die Sowjetunion begnügten sich damit, ihren bilateralen Botschafter in Belgien auch bei der EG zu ackreditieren.

Ost-Berlins neuer Mann ist Ingo Oeser. Er war stellvertretender Leiter der Abteilung Westeuropa im DDR-Außenministerium und verfügt über reiche praktische Erfahrungen im Westen, unter anderem bei den Sicherheits- und Abrüstungskonferenzen in Wien und Madrid. Doch auch er kann oder darf nicht sagen, wie die DDR sich ihre intensiveren Kontakte zur EG vorstellt: "Ich kann nur so viel sagen, daß wir mehr wollen als nur Handel."