Von Rainer Hupe

So ungeniert hat wohl selten ein Manager die Politiker im Regen stehen lassen. Jahrelang haben die Regierungen in Bonn und München jeden Widerstand gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf abgewehrt. Jetzt verabschiedet sich der Veba-Chef v. Bennigsen-Foerder – im ungünstigsten Augenblick für Helmut Kohl – schnöde von einem der umstrittensten Projekte der Kernenergie: zu langwierig, zu teuer.

Die französische Firma Cogema bietet den Deutschen nicht nur eine Beteiligung, sondern auch ausreichend Kapazität an. Ihre Fabrik in La Hague soll die meisten Brennstäbe aus deutschen Meilern auch nach 1999 aufarbeiten – um Milliarden billiger, als dies in Wackersdorf möglich wäre. Natürlich kann Bennigsen da kaum nein sagen. Doch gerade so, als wolle er die Sache noch auf die Spitze treiben, teilte er dem Kanzler mit, selbstverständlich werde er die Offerte nur annehmen, wenn Kohl ausdrücklich zustimme.

Entsprechend konfus waren die Reaktionen. Die Bayern kämpften zunächst weiter für die umstrittenste Baustelle der Republik. Der europabegeisterte Kanzler nahm Zuflucht zum Argument des „nationalen Entsorgungskonzepts“. Weil die Politiker in Bonn und München kein Konzept für eine moderne Energiepolitik haben, antworteten sie auf eine konkrete Frage mit Stimmengewirr. Erst allmählich wichen die Trotzreaktionen Andeutungen von Vernunft. Inzwischen sagt sogar der bayerische Ministerpräsident, er werde nicht unter allen Umständen für Wackersdorf kämpfen.

Wer die Wiederaufarbeitung will, muß – ob überzeugter Europäer oder nicht – auf die französische Offerte eingehen. Dagegen spricht nicht einmal das häufig gebrauchte Argument, deutsche Atomanlagen seien sicherer – wofür zumindest auf den ersten Blick der Kostenunterschied spricht. Selbst wenn Wackersdorf gebaut würde: Die französische Fabrik steht, sie wird sogar erweitert. Eine nicht ausgelastete, mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfende Anlage in La Hague ist bestimmt noch riskanter als eine, die genug Geld verdient, sich mehr Sicherheit leisten zu können. Und daran müssen auch wir Deutschen interessiert sein. Ein großer Unfall in La Hague träfe uns – als ob er sich auf unserem Boden zutrüge. Es gibt deshalb keinen überzeugenden Grund, in Wackersdorf weiterzubauen.

Freudentänze von Atomgegnern wären allerdings völlig unangebracht. Dies ist nicht der Einstieg in den Ausstieg, im Gegenteil. Der Veba-Chef denkt nämlich nicht nur an die Kosten, sondern auch an politische Wechselfälle. Bedingung für den Bau und Betrieb westdeutscher Atommeiler ist der Nachweis einer gesicherten Entsorgung, und dazu gehörte bisher die Wiederaufarbeitung. Falls aber in Bonn die Regierung wechseln sollte, droht das endgültige Aus für Wackersdorf. Anschließend könnten die Gerichte sogar die laufenden Reaktoren stillegen.

Doch in Wirklichkeit ist die geplante Wiederaufarbeitungsanlage ein Relikt aus den längst vergangenen Zeiten euphorischer Zukunftsvisionen für die Kernenergie. Nicht nur gut zwanzig Reaktoren, sondern fast doppelt so viele sollten nach diesen Plänen heute in der Bundesrepublik stehen, ein schneller Brüter dazu und eine Wiederaufarbeitungsanlage, die Plutonium erzeugt und dafür sorgt, daß der knappe und teure Brennstoff Uran optimal ausgebeutet wird.