Die viktorianischen Ladies der Bronte- und Collins-Generation – aus ebendieser Literatur stammen unser aller einschlägige Kenntnisse – kränkelten durchweg. Schon in jungen Jahren wurden sie von Schwindsucht, Anämie und rätselhaftem Siechtum befallen, und daran war mitnichten das neblig-trübe Klima ihrer heimatlichen Insel schuld, sondern der gesellschaftliche Konsens, der es den Damen aus besseren Kreisen untersagte, öffentlich mit ihren Geistesgaben zu glänzen. Ihr Wirkungsradius beschränkte sich auf die Runde um den Teetisch.

Auf Reisen jedoch entwickelten die zarten Geschöpfe eine erstaunliche Robustheit und wurden zu den travelling ladies, die es zu bisweilen legendärem Ruf brachten. Auch die Bleichsucht der Damen wich, sobald sie während ihrer Badereise die Fesseln einer bigotten Umgebung mitsamt dem Riechfläschchen hinter sich ließen und mit freierem Décolleté befreiter atmen durften.

Daß also Reisen nicht nur bildet, das fanden einige Autorinnen beim ausgiebigeifrigen Schmökern in den Schriften des letzten Jahrhunderts heraus und hielten die Resultate in einem Buch fest: „Frauen auf Tour; Reisebriefe – Schriften zur Tourismuskritik“, Band 21/22, Berlin 1988; herausgegeben von der Gruppe Neues Reisen e.V.; zu beziehen über Redaktion Reisebriefe, Fidicinstraße 8a, 1000 Berlin 61, 9,80 Mark plus 1,30 Mark Porto.

Die Autorinnen propagieren das Reisen als höchsten Ausdruck weiblicher Emanzipation, und der Titel ihres Buches legt Frauen, die sich allein auf den Weg machen wollen, den Band als Vorbereitung nahe. Bevor jedoch „frau“ (so wird die für solcherart Literatur neuentdeckte Spezies vorzugsweise genannt) auf Tour geht, sollte sie noch folgende Zeilen lesen: „Die Angst vor dem Fremden – dem fremden Land, den fremden Kulturen – scheint in den meisten Fällen ein Spiegelbild der grundsätzlichen Angst vor jeder Veränderung, vor jedem Wechsel zu sein. Es muß das Unbehagen / sein, das wir gegenüber jeder Situation empfinden, die wir noch nie zuvor erfahren haben “

Zitiert wird das Sokrates-Wort: „Er konnte sich nicht verändern, denn er hat sich selbst mitgenommen.“ Aber das steht auf Seite 51, und bis „frau“ bis dahin durchgelesen hat, sind ihr möglicherweise der Elan zum Reisen und die Geduld zum Lesen längst abhanden gekommen. Denn wirklich vergnüglich und lohnend ist nur das erste Kapitel der Publikation, die inhaltlich mit dem etwas aus der Mode gekommenen Begriff Almanach zu charakterisieren wäre – obwohl eine derartige Einordnung dem Anspruch des Redaktionsteams zuwiderlaufen dürfte.

Mitunter seltsame Formulierungen der insgesamt etwas spontihaft wirkenden Sammlung sollte man nicht voreilig als unfreiwillige Komik beim Umgang mit Denken und Sprache abtun, sondern als Ironie gelten lassen. Bei den verspielten Vignetten indessen, die den Schreibmaschinentext auflockern und sogar bis zur Titelseite vordringen konnten, kann man da nicht mehr sicher sein.

Auf 90 Textseiten werden beispielsweise in „10 Thesen“ für alleinreisende Frauen Binsenweisheiten als tiefsinnige Erkenntnisse der philosophisch-kulturkritischen Art ausgegeben. Das fiktive, aus Originaltexten montierte Round-table-Gespräch zum Thema „Reisen nach der Zeitenwende“ könnte man noch als leicht verkrampfte Satire hinnehmen. Aber den recht guten Zeitungsabdrucken und einigen sachlich vorgestellten Initiativen folgt auf 50 Seiten eine so mickrig kommentierte Bibliographie, daß es die Übernahme einschlägiger Verlagsprospekte auch getan hätte.